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Die PresseTitel (Quelle, Erscheinungsdatum)
Pressespiegel
komplett Hamburger Abendblatt 30. November 2009 Lernen und arbeiten kombinieren - Letzte Chance für AbbrecherVon Friederike UlrichMehr als acht Prozent aller Hamburger Jugendlichen verlassen die Schule, ohne einen Abschluss gemacht zu haben. Die Produktionsschule Altona (PSA) bietet diesen Schulabbrechern eine letzte Chance. Sie führt die Schüler an Arbeitsabläufe und ein geregeltes Leben heran - und gibt ihnen die Möglichkeit, ihren Hauptschulabschluss nachzuholen. Zwei Stunden wird Mathe, Deutsch und Englisch unterrichtet, ansonsten werden in den schuleigenen Werkstätten Waren und Dienstleistungen produziert: in der Tischlerei Möbel, in der Küche Mahlzeiten, in der Medien- und Grafikwerkstatt Plakate und Flyer. Das Konzept ist erfolgreich: Immerhin 60 Prozent der 540 Schüler, die die Schule seit ihrer Gründung 1999 besucht haben, konnten dort ihren Hauptschulabschluss nachholen. "Wir bieten Arbeiten an, die die Jugendlichen interessieren", sagt Thomas Johanssen (63), Leiter und Mitgründer der PSA. 1989 hatte er in Dänemark das Konzept einer Produktionsschule kennengelernt und sich mit weiteren Befürwortern jahrelang beim Hamburger Senat für die Gründung einer solchen Einrichtung eingesetzt. 1999 schließlich wurde seine Hartnäckigkeit belohnt und in einem Gewerbehinterhof an der Leverkusenstraße Hamburgs erste Produktionsschule eröffnet. Dabei sei für die spätere Berufswahl nicht entscheidend, welche Tätigkeiten die Jugendlichen ausübten, sagt Johannsen. "Wichtig ist", sagt der Schulgründer, "dass sie Regelmäßigkeit, Pflichtgefühl und Leistungsmotivation lernen." So wie Sven Seifert. Der 16-Jährige arbeitet in der Küche der PSA. Elf Schüler und zwei Anleiterinnen bereiten hier die Mahlzeiten zu, die in der auch öffentlich genutzten Kantine ausgegeben werden. Die Hauptschule hat Sven "wegen Ärger mit Schülern und Lehrern" abgebrochen. An der Produktionsschule gefällt ihm, dass er dort weniger lernen muss und stattdessen mehr arbeiten kann. Dafür bekommt er sogar Geld: 150 Euro verdienen die Schüler im Monat - unregelmäßiges Erscheinen führt zu Abzügen. "Ich bin in eineinhalb Jahren nur zweimal zu spät gekommen", sagt Sven. "Mir macht die Schule eben Spaß." Nach seinem Hauptschulabschluss möchte Sven eine Ausbildung zum Koch machen. Sein Traum wäre es, in einer Schiffsküche zu arbeiten. Dass man in der Produktionsschule Altona lernen kann, seinen Traum zu verwirklichen, beweist Niklas Goldau (24). Er hat dort vor fünfeinhalb Jahren seinen Hauptschulabschluss nachgemacht, dann erst die Handelsschule, später das Wirtschaftsgymnasium besucht. "Vor einem Jahr habe ich begonnen, Geo-Informatik zu studieren", sagt er. "Mir hat das Konzept der Schule sehr geholfen." Auch den Senat hat es überzeugt: Als Teil seiner Bildungsoffensive will er bis 2011 mindestens zehn neue Produktionsschulen in Hamburg einrichten. Vier haben ihren Betrieb bereits im September 2009 aufgenommen. Frankfurter Rundschau, 06.12.2008 Produktionsschulen - Reif für den ArbeitsmarktVon Birgitta vom LehnDer schwarz-grüne Senat in Hamburg plant laut Koalitionsvertrag, in jedem Bezirk eine Produktionsschule. Damit ständen künftig 500 Plätze zur Verfügung. "Die neuen Schulen richten sich an Schulschwänzer und Schulabbrecher, die an Produktionsabläufe und an geregeltes Lernen herangeführt und auf eine Ausbildung vorbereitet werden sollen", sagt Annegret Witt-Barthel, Sprecherin der Schulbehörde und verweist auf die erfolgreiche, bisher einzige Schule dieser Art in der Hansestadt, die Produktionsschule Altona (PSA). Auch Mecklenburg-Vorpommern setzt seit vier Jahren verstärkt auf diesen Schultyp: Sechs Produktionsschulen werden unter anderen aus Landes- und Kommunalmitteln gefördert. Eine erste Evaluation zeigt ein positives Fazit: Jeder Dritte findet einen Ausbildungsplatz. Zudem scheinen Produktionsschüler seltener eine Lehre abzubrechen als herkömmliche Absolventen. Kein Wunder also, dass Produktionsschulen im Trend liegen. Der neue Bundesverband Produktionsschulen mit Sitz in Hannover vertritt inzwischen 26 Einrichtungen. "Dabei sind Produktionsschulen eigentlich uralt", betont Verbandschef Thomas Johanssen. Vor mehr als 100 Jahren hießen sie Arbeits-, Land- und Industrieschulen. Hier sollten junge Leute durch Arbeit aufs Arbeitsleben vorbereiten werden. Mit dem Aufstieg eines kopflastig geprägten Bildungsbegriffs gerieten die handwerklich orientierten Schulen allerdings ins Abseits. Sozialpädagogen der Universität Hannover haben die sechs Produktionsschulen in Mecklenburg-Vorpommern von April 2006 bis März 2008 wissenschaftlich begleitet. Studienleiterin Cortina Gentner fasst zusammen: Knapp ein Drittel der Produktionsschüler findet anschließend einen Ausbildungsplatz, jeder zehnte wird von den Arbeitsagenturen erneut in eine Vorbereitungsschleife zur Berufsschule geschickt, sieben Prozent finden Beschäftigung auf dem Arbeitsmarkt und ein Drittel wird arbeitslos. Statistisch bricht jeder Dritte ab Wenn man bedenkt, dass ein Drittel der Produktionsschüler Förderschüler und 50 Prozent Schulabbrecher seien, die auf dem normalen Arbeitsmarkt ohnehin keine Chance gehabt hätten, dann sei das Ergebnis positiv, sagt Gentner. Zudem zeigten erste Analysen einen weiteren Trend: "Statistisch bricht heute jeder dritte Lehrling seine Ausbildung ab. Auf Produktionsschüler trifft das aber nicht zu, sie halten öfter durch. Offenbar werden sie besser stabilisiert." In Dänemark hat man das schon in den 70er Jahren erkannt. Deshalb gibt es dort ein eigenes Produktionsschulgesetz und die Produktionsschüler sind dort "normalen" Schülern finanziell gleichgestellt, was staatliche Zuschüsse betrifft. "Aber hierzulande herrscht noch ein Kampf um Pfründe. Man will nicht wahrhaben, dass Produktionsschulen für manche Jugendlichen besser sind als Berufschulen", sagt Gentner. Johanssen war früher selbst als Pädagoge an Berufsschulen tätig. Er empfand es dort als "frustrierend für alle Beteiligten": Die Bundesagentur für Arbeit pumpe zwar eine Menge Geld in die Übergangsklassen für schwierige Jugendliche, aber am Ende scheiterten sie doch meist alle. "Wir haben es hier mit Leuten zu tun, die nicht mehr gern lesen wollen. Die kann man nicht einfach in die Schulbank setzen." In der PSA, wo Johanssen als Geschäftsführer wirkt, arbeitet nur ein ausgebildeter Pädagoge. "Der Rest sind Leute mit krummen Berufswegen", berichtet Johanssen. "Unser Tischler arbeitet mit den Schülern. Lehrer können zwar alles mit den Händen in der Tasche erklären, aber es ist gut zu erleben: Der Mann, bei dem wir was lernen, schwitzt ja wirklich die der Arbeit." "Wir Lehrer können vieles nicht" Ein Besuch in Dänemark vor 20 Jahren überzeugte den Pädagogen: "So etwas wollte ich auch hochziehen. Wir haben viel für die Idee getrommelt und Druck auf politischer Ebene gemacht." Zehn Jahre dauerte es bis zur Realisierung - "ein mühsamer Prozess". Nicht weniger mühsam war das, was danach auf den Schulleiter zukam: "Wir können als Lehrer vieles ja gar nicht, mussten also reichlich lernen: zum Beispiel Bilanzen lesen und uns mit dem Warenein- und -ausgang befassen. Ich habe mein Budget, einen Steuerberater und regele die Ferienzeiten selbst." Da in der Produktionsschule reale Waren und Dienstleistungen hergestellt und auf dem Markt zu regulären Preisen verkauft werden - fünf bis zehn Prozent ihres Budgets muss jede Einrichtung selbst erwirtschaften - pflegt die Schule auch Geschäftsbeziehungen. In Hamburg versorgt die PSA in ihrer Kantine täglich Gäste aus den umliegenden Büros und Betrieben mit frischen Mahlzeiten. Die Medienwerkstatt gestaltet Websites, die Grafikwerkstatt stellt Plakate, Flyer und Türschilder her, die Videowerkstatt produziert Video-Porträts und Internet-Clips und in der Tischlerei können Möbel bestellt werden. Die Auftragslage sei gut, der Preis entspreche dem normalen Marktpreis. Johanssen: "Das ist eine Absprache mit den Kammern." Jeder Schüler erhält monatlich 150 Euro. Unregelmäßiges Erscheinen führt zu Abzügen. "Das führt zu erwünschten Debatten am Monatsende. Geld ist immer noch der stärkste Anreiz", sagt der Schulleiter. Auch Pisa-Schlusslicht Bremen will künftig für rund 400 schulmüde Jugendliche "Werkschulen" einrichten. "Das sind keine Abschiebeschulen, denn dafür muss man sich bewerben", betont Karla Götz, Sprecherin der Bildungsbehörde. Das Projekt soll 2010 an den Start gehen. DruckversionZurück zur Übersicht Neue Chance für Start ins ArbeitslebenGut zwölf Prozent der Hamburger Schüler verlassen Jahr für Jahr die Schule ohne Abschluss. Auf dem Arbeitsmarkt haben sie kaum eine Chance. In der Produktionsschule Altona können sie ihre praktischen Fähigkeiten unter Beweis stellen und dabei ihren Schulabschluss nachholen.Fast zwölf Prozent. So hoch ist der Anteil Hamburger Schüler, die jedes Jahr die Schule ohne jeglichen Abschluss verlassen. Jugendliche, die auf dem ohnehin umkämpf-ten Ausbildungsmarkt kaum eine Chance haben. Sie beginnen ihr Leben von vornherein ohne wirkliche Perspektive, sich ihren Lebensunterhalt durch eine erfüllende Arbeit verdienen zu können. Dramatische Lage in "Problem-Stadtteilen" Mit dieser Zahl liegt die Hansestadt an der Spitze. In keiner anderen deutschen Großstadt ist die Zahl der Schulabbrecher so hoch. "Es ist ein Desaster, dass diese Zahl in den vergangenen Jahren nicht gesenkt werden konnte", sagt Britta Ernst von der oppositionellen SPD-Bürgerschaftsfraktion. Dabei ist die Lage in vielen Stadtteilen viel dramatischer, als der Durchschnitt das zum Ausdruck bringt. So verlässt in manchen Quartieren jeder vierte, bisweilen jeder dritte Jugendliche die Schule ohne Abschluss. Eine Hauptschule in Lurup beispielsweise musste 2005 sogar 34,4 Prozent des Jahrgangs ohne Abschluss verabschieden. An einer Schule im Osdorfer Born lag ihr Anteil bei 30,8 Prozent, in einer Altonaer Schule bei 25,6 Prozent.
Aussichtslose Lage
Diese jungen Menschen geraten schon zu Beginn ihres beruflichen Lebens
in eine aussichtslose Lage. Schließlich ist die Konkurrenz um einen
Ausbildungsplatz groß. In Hamburg zumal, weil die Metropole Jugendliche
aus dem ganzen Norden anzieht und weil sich inzwischen Schüler mit
Realschulabschluss um die Ausbildung selbst für einfache Berufe bewerben.
David Heuving hat eine Chance bekommen – und sie genutzt. Der 20-Jährige
begann Anfang September eine Ausbildung zum Tischler. Jetzt pendelt er
zwischen seinem Wohnheim, der Berufsschule und seiner Ausbildungsfirma.
"Ich bin nicht so ein Schulfreak und arbeite lieber mit den Händen",
sagt David und zieht an seiner Zigarette.
Chance auf eine Ausbildung
"Die haben mir von der Produktionsschule Altona berichtet",
erzählt David. Davon, dass er dort seinen Schulabschluss nachholen
könne, ohne den ganzen Tag in der Klasse zu sitzen und Mathe, Deutsch
oder Englisch zu büffeln.
Die Sinnfrage stellt sich nicht
Hier hat David viele Monate gearbeitet und gelernt. "Entscheidend
ist, dass die Mädchen und Jungen unmittelbar sehen, wofür das
Gelernte notwendig ist", sagt Johanssen. Die leidige Frage "Wozu
muss ich das denn lernen", stellt sich ihnen hier gar nicht.
"Unsere Hauptaufgabe ist Motivation"
"Unsere Hauptaufgabe ist Motivation", sagt Johanssen. "Die
Jugendlichen hatten aufgegeben, lernen zu wollen." An der Produktionsschule
könnten sie Grundkenntnisse des Tischlerns oder Kochens erlernen
oder in der Video- und Medienwerkstatt arbeiten.
Konzept erfolgreich
Die Zeit, 03.05.2007 Nr. 19 Die zweite ChanceEine Hamburger »Produktionsschule« hilft Hauptsch¸lern, einen Abschluss zu machen.Von Christine Brinck Hammerschläge füllen den Hinterhof. Hinter einer eisernen Tür versteckt sich die Tischlerwerkstatt. Vier Jugendliche, Jungen und Mädchen, bauen Hängeschränke zusammen. Stephan kämpft mit der Rückwand, weiß oder braun, was kommt nach oben? Die anderen studieren die Baupläne. Die tischlernden Jungen und Mädchen sind in der Schule, freiwillig und ganztags. Früher haben sie die Hauptschule besucht, doch die haben sie geschmissen, sind allesamt ohne Schulabschluss. Hier lernen sie anders. Sie sind Schüler in einer Kooperativen Produktionsschule, einer GmbH. Sie werden aufs Leben durch Arbeit und Lernen vorbereitet. Die Hauptschule ist vielerorts in Schwierigkeiten geraten, nur noch zehn Prozent aller Schüler, 953.000 Jugendliche, besuchen sie. Viele sind Einwandererkinder. Die Sprachprobleme sind groß, die Disziplinprobleme ebenso. Etwa 15 Prozent der Hauptschüler bleiben ohne Abschluss, nur 20 Prozent der Absolventen finden einen Ausbildungsplatz. Produktionsschulen können eine Lösung sein. Sie sind eine dänische Erfindung, dort gibt es sie hundertfach, und das seit Jahren. In Deutschland existiert bislang nur eine einzige, die Produktionsschule (PSA) in Hamburg-Altona. »Es sollte sie in jedem Stadtteil geben«, sagt der Schulleiter Thomas Johanssen. Doch im Moment haben nur 44 Jungen und Mädchen zwischen 15 und 18 Jahren das Glück, hier am Ende einer Schullaufbahn voller Enttäuschungen aufgenommen worden zu sein. Johanssen hätte gerne mehr Schüler, aber dafür reicht das Geld nicht. Sponsoren werden dringend gesucht. Etwa 320 Schüler bewerben sich jedes Jahr – online. Die PSA, 1999 noch von Rot-Grün gegründet, hat sich schnell auch unter den Jugendlichen einen guten Ruf erkämpft. Hier kann man in ein bis zwei Jahren seinen Hauptschulabschluss nachholen, man kann in vier praktischen Bereichen arbeiten, und man hat jeden Morgen zwei Stunden Deutsch und Mathematik, jeden Freitag zwei Stunden Englisch. Den Rest der Zeit verbringen die Schüler in der Tischlerei, in der Videowerkstatt, in der Grafik oder in der Kantine, die auch Cateringaufträge ausführt. Die Schüler bekommen monatlich ein Schülergeld von 150 Euro. Ihre Produkte verkaufen die Jugendlichen zu Marktpreisen Am Anfang stehen die Einstellungsgespräche. Wer aufgenommen wird, muss eine Probezeit durchlaufen. Der Eintritt in die Schule ist fortlaufend möglich. Scheidet ein Schüler aus, wird sein Platz sofort von einem anderen Schüler von der Warteliste besetzt. Produktionsschulen sind arbeitsorientierte Bildungseinrichtungen, die der Berufsvorbereitung dienen. Im Zentrum steht die marktorientierte Produktion und Dienstleistung. Alle Arbeiten in den Werkstätten sind echte Arbeiten, keine Trockenkurse. Die Tischlerei arbeitet zu Marktpreisen und mit erstklassigen Materialien. Die Schüler haben Küchen für Privatkunden gebaut, das Mobiliar eines Kindergartens, Bänke für Pausenräume und Erste-Hilfe-Schränkchen. Für die ehemaligen Problemschüler liegt genau hier der Reiz. Es kommt auf ihre Arbeit an, sie bauen nicht pro forma Zeitungsständer, weil die gerade auf dem Lehrplan stehen, sondern sie arbeiten an echten Aufträgen für echte Kunden. Die Honorare, die sie erwirtschaften, finanzieren zum Teil die Werkstatt. Die Jugendlichen erfahren so ganz unmittelbar den Nutzen ihrer Arbeit. Vergangene Woche haben die Jungen und Mädchen Fertigbauregale für den Kantinenbereich zusammengebaut. Das war gleichzeitig auch ein Deutsch- und Matheerlebnis. Sie mussten die Bauanleitungen lesen, sie hatten aber auch mit dem Meister errechnet, wie teuer die Möblierung geworden wäre, wenn sie sie mit schönem Holz in vielen Arbeitsstunden selbst hergestellt hätten. Die Schüler müssen erst zur Prüfung, wenn sie gut genug sind Wieso klappt hier bei einem großen Teil der 44 Schüler, was vorher in der Hauptschule gar nicht ging? Wieso gibt es hier keinen Ärger mit Lehrern? Es gibt keine 45-Minuten-Stunden, es gibt kein Pausenzeichen, kein Klassenzimmer. Dafür gibt es feste Regeln für das Miteinander und freie Wahl zwischen den vier Werkstätten. Wer öfter schwänzt, fliegt raus. Pünktlichkeit ist so wichtig wie Genauigkeit. Wer termingerecht Aufträge abwickeln will, muss sich auf seine Leute verlassen können. Durchfallen? Nicht alle Schüler werden zur Hauptschulprüfung angemeldet. Die Lehrer und Meister kennen ihre Schüler. Zertifiziertes Scheitern wird vermieden, mancher Schüler bleibt auch zwei Jahre, bis er sein Zeugnis hat, und gewinnt so nebenbei noch mehr Lebens- und Berufserfahrung. Das macht ihn vermittelbarer auf einem Arbeitsmarkt, auf dem Hauptschüler meist schlechte Karten haben. Immerhin bekommen 40 bis 50 Prozent der Absolventen der Produktionsschule einen Ausbildungsvertrag. Dabei hilft freilich auch das Bewerbungstraining, das die Ausbildungsagentur EXAM durchführt. Die Jungen und Mädchen, die in der Kantine arbeiten, tragen Kopfbedeckung und weiße Kittel, niemand will ihre Haare in der Suppe oder im Pudding finden, weder die Mitschüler noch die Arbeiter aus den umliegenden kleinen Fabriken und Werkstätten, die hier ihren Mittagstisch (Menü für fünf Euro) abhalten. Zwei Köche bringen den Schülern nicht nur Sauberkeit in der Küche bei, sondern auch den Umgang mit frischen Lebensmitteln. Fertiggerichte werden hier nicht aufgewärmt. Es wird geschnippelt und gehackt, gerührt und gerieben. Und wer einen Empfang, eine Betriebs- oder Geburtstagsfeier ausrichten will, kann sich hier Häppchen oder Nachtisch bestellen, es wird zuverlässig und professionell zum vereinbarten Zeitpunkt geliefert. Die Kantinenschüler sind auch für das Frühstück verantwortlich, das jeden Morgen vor Schulbeginn stattfindet. In der Medienwerkstatt werden nicht ausschließlich die Türschilder und die Informationsmappen für die PSA entworfen, sondern auch Flyer, Plakate und Websites für allerlei Auftraggeber. Die Schüler, die sich für den grafischen Bereich entscheiden, müssen keine Computercracks sein, doch Spaß an Gestaltung, Umgang mit Schrift und Kreativität sollten sie mitbringen. Von den Schülern, die sich für die Videowerkstatt bewerben, ist schon ein bisschen Erfahrung mit Videokamera und Fotoapparat erwünscht. Sie lernen, Videoclips, Lehr- und Dokumentarfilme zu produzieren. Die Hamburger ZEIT-Stiftung, die über ihr Lern- Werk jahrelang besonders die Videowerkstatt der PSA gefördert hat, beauftragte die Schüler mit der Herstellung eines Films über die Tätigkeiten der Stiftung. Zögernd begaben sich die jungen Videokünstler an Plätze wie die Bucerius Law School und filmten den Uni-Betrieb oder interviewten eine Professorin zu dem unter den Nazis emigrierten Kulturphilosophen Ernst Cassirer. Dem Film sieht man nicht an, dass er von gescheiterten Hauptschülern gemacht wurde, er ist durch und durch professionell hergestellt. Gehen nun all die Schüler dieser Werkstatt hinterher in eine filmverwandte Ausbildung? Eigentlich nicht, ist die überraschende Antwort. Warum wollen die Jungen und Mädchen denn in diese Werkstatt, die in ihrer Ausstattung noch dazu sehr teuer ist? Der Videobereich lockt Kinder an, sagen die Lehrer; Kinder, die sonst überhaupt nicht mehr zur Schule gehen würden. Er ist nur ein Vehikel, um die Jugendlichen zum Abschluss zu führen. Der beste Junge im Kurs wird vermutlich bei Aldi eine Ausbildung machen – und ist damit weit entfernt davon, ein Dokumentarfilmer zu werden. »Ich bin doch Realist«, kommentiert er seinen Entschluss lakonisch. Schade. Vor zwei Jahren ist ein Junge aus der Grafikwerkstatt direkt von einer berühmten Werbeagentur in die Ausbildung übernommen worden. Nach ein paar Monaten allerdings war alles vorbei, der Auszubildende war nicht an der Ausbildung, er war an der Mathematik in der Berufsschule gescheitert. Dort saß er neben Abiturienten. Solche Beispiele zeigen den lediglich kompensatorischen Charakter der Produktionsschule. Sie kann nur noch reparieren, was in den vielen Jahren Schule zuvor kaputtgegangen ist. Diese Reparaturarbeiten macht sie vorbildlich, doch wäre die Arbeit von Produktionsschulen noch viel wirksamer, wenn sie früher in den Schulbetrieb integriert würden, etwa bereits nach der sechsten Klasse. Schließlich stellt sich zu Recht die Frage: Warum hinterher reparieren, wenn man es vorher integrieren könnte? Manche Schülerkarriere erfährt den entscheidenden Schub an der PSA. Johanssen erinnert sich an einen ehemaligen Schüler namens Niklas, der in der Videowerkstatt sehr gut arbeitete, von dort zur Berufsfachschule ging und jetzt auf einer Fachoberschule seinen Abschluss macht. Die Produktionsschule Altona wurde jüngst mit einem Hauptschulpreis – Deutschlands beste Schulen mit Hauptschulabschluss – geehrt. Trotz aller Erfolge wird die PSA nicht einmal an der Diskussion zum Berufsvorbereitungsjahr beteiligt. Eine Schulbehörde, die die Hauptschule abschaffen will, muss sich fragen lassen, warum sie sich für die zukünftigen Stadtteilschulen nicht das Know-how der Pädagogen, Meister und Schüler aus Altona sichern will. Eine Hauptschule, an der sich freiwillig siebenmal mehr Schüler bewerben, als es Plätze gibt, hat vielleicht eine richtige Antwort auf das Hauptschulproblem gefunden. DruckversionZurück zur Übersicht Das sind Hamburgs beste Hauptschulen
Lurup – Die Schule Veermoor in Lurup ist Hamburgs beste Hauptschule!
Gestern wurde sie von der Hertie und Robert-Bosch-Stiftung im Rathaus ausgezeichnet.
Hamburger Abendblatt, 08.07.2006 "Was ihr macht, wird gebraucht"Klartext: Thomas Johanssen. Eine zweite Chance f¸r Hauptschüler ohne Abschluss.Von Andrea Pawlik ABENDBLATT: Die Produktionsschule Altona ist eine Alternative zum Berufs- vorbereitungsjahr (BVJ). Was ist der Unterschied? THOMAS JOHANSSEN: Wir haben deutlich betriebliche Strukturen. In unseren Werkstätten produzieren wir für den freien Markt, zu marktüblichen Preisen. So verbinden wir Arbeit und Lernen. Von den Kunden bekommen die Jugendlichen eine direkte Reaktion: Was ist gut, was schlecht? So lernen sie ganz praxisnah. Das BVJ ist im negativen Sinne verschult. Warum muß dort ein halbes Jahr an einem Hocker gebaut werden? Wir haben jetzt schon Tischlerei-Aufträge für nach den Sommerferien. Und uns unterscheidet die Atmosphäre: Wir sind kein anonymer Betrieb wie eine Schule mit 750 Schülern. Doch vor allem sind wir in der Abschlußquote viel erfolgreicher. ABENDBLATT: Dafür kosten Sie aber doch auch mehr? JOHANSSEN: Wenn man die Schulformen betriebswirtschaftlich vergleicht, sieht man, dass das nur so scheint. Wir kennen unsere Kosten sehr genau. Die staatlichen Schulen kennen nicht einmal ihre Mietkosten - dort ist so etwas schwieriger zu erfassen. ABENDBLATT: In Dänemark gibt es viel länger und viel mehr Produktionsschulen. Warum nicht hier? JOHANSSEN: Dort sind sie sehr erfolgreich. Arbeitslose junge Leute werden in einer Produktionsschule fit gemacht, ins Praktikum vermittelt - und erhalten meist wieder einen Arbeitsvertrag. In Deutschland ist Bildung Ländersache, und da jedes Land so vor sich hin agiert, ist es schwer, eine Entwicklung in Gang zu setzen. ABENDBLATT: Sie haben 44 Schüler. Sind Sie ausgebucht? JOHANSSEN: Für sie ist die Finanzierung durch die Bildungsbehörde und EU-Gelder gesichert. Wir könnten noch mehr Jugendliche aufnehmen - aber wir bekommen nicht mehr Geld. Aktuell suchen wir neue Sponsoren. ABENDBLATT: Was lernen die Jugendlichen bei Ihnen? JOHANSSEN: Es sind vorrangig Hauptschüler ohne Abschluß. Wir unterrichten sie in Deutsch, Mathe und Englisch. Sie lernen, verbindlich und pünktlich zu sein, Verantwortung zu tragen, selbständig zu arbeiten, entwickeln Lust am Lernen. Von denen, die wir 2006 zur Hauptschulprüfung angemeldet haben, haben 80 Prozent bestanden. In der Regel finden 40 bis 50 Prozent einen Job oder eine Lehrstelle. ABENDBLATT: Was hören Sie von Unternehmen, die Schüler von Ihnen übernommen haben? JOHANSSEN: Im allgemeinen sind sie zufrieden. Doch es gibt auch Klagen, das Kommunikationsverhalten der Jugendlichen sei schwierig. Sie haben oft kein Gespür dafür, wie sie auftreten müssen, um einen angenehmen Eindruck zu hinterlassen. Darum scheint es manchmal, als sei ihnen vieles egal. Aber nach meiner Erfahrung wirkt das oft nur so. ABENDBLATT: Was wünschen Sie sich von Unternehmen? JOHANSSEN: Mehr Bereitschaft, darauf zu achten, was Jugendliche wirklich können. Betriebe sollten Praktika nicht nur als Belastung sehen, sondern als Chance, Lehrlinge kennenzulernen. Man darf keine perfekt funktionierenden Jugendlichen erwarten, sondern junge, etwas unreife Menschen in einem Entwicklungsprozeß, den man ihnen auch zubilligen muß. ABENDBLATT: Was können Schulen besser machen? JOHANSSEN: Wir Pädagogen müssen mehr darauf achten, Jugendliche so weit zu bringen, daß sie sich sozial angemessen verhalten und daß sie begreifen, warum das auch für sie selbst nur von Vorteil ist. Wir müssen ihnen Zuversicht vermitteln. Wir können keine Lehrstellen schaffen, aber wir können den Jugendlichen sagen: "Was ihr macht, das wird auch gebraucht." DruckversionZurück zur Übersicht Hamburger Morgenpost, 23.06.2006 Hier werden Schwänzer zu Musterschülern!Produktionsschule Altona: Bohren statt büffelnVon Sandra Schäfer Sandra (19) fiebert dem August entgegen. Dann geht es für die Schülerin aber nicht in den Urlaub sondern ins Büro - und zwar als Lehrling bei einem Steuerberater. "Dass ich diese Stelle bekommen habe, ist wie ein Wunder", freut sich die hübsche Blondine. Denn Sandra hat gerade erst über Umwege ihren Hauptschulabschluss nachgeholt und Konkurrentinnen mit Abitur aus dem Rennen geworfen. Wie sie das geschafft hat? Mit Hilfe der Produktionsschule Altona (Leverkusenstraße). "Jungen und Mädchen, die den Weg in die Produktionsschule finden, gelten als Schulversager, Leistungsverweigerer und Schwänzer", sagt Thomas Johanssen, Geschäftsführer der PSA. Sie haben den Schulabschluss nicht geschafft und blicken in eine düstere Zukunft als Hilfsarbeiter. "Ich werde Hartz IV" heißt es trotzig. Fast sah es so aus, als würde auch Sandra diesen Weg gehen. "Ich habe schon ab der 7. Klasse meiner Mutter nur vorgespielt, dass ich zur Schule gehe." Irgendwann stellte sich ein Problem mit Drogen ein. Erst mit 18 bekam Sandra doch noch die Kurve und bewarb sich bei der Produktionsschule. Und dort wird nicht aus Büchern gepaukt: "Die Werkstätten sind der zentrale Ort, an dem sich Lernen und Arbeiten abspielt", so Johanssen. Zwar ist morgens von 8 bis 10 Uhr Unterricht, doch nach dem Frühstück geht es bis nachmittags in dir Werkstätten. Trockenübungen gibts in der PSA nicht, jede Werkstatt arbeitet an realen Firmenaufträgen. So wird in der Tischlerei zurzeit ein Büro für eine Kita gebaut, die Videogruppe erstellte ein Film für die Zeit-Stiftung und das Schüler-Kantinen-Team sorgt täglich für warme Mahlzeiten für Mitschüler und Mitarbeiter umliegender Firmen. Und weil die Schüler an realen Aufträgen arbeiten, bekommen sie auch eine reale Bezahlung: 150 Euro stehen jedem monatlich zu. Obwohl viele Schüler enorme Defizite in Deutsch und Mathe haben, schaffen die Lehrer es, vier von fünf zu bringen-zum Teil nur mit Ach und Krach. "Wir haben hochmotivierte Schüler, die hier ausbildungsreif gemacht werden", so Johanssen. Das große Problem: Nachdem sie den Abschluss nachgeholt haben, stehen die meisten ohne Lehrstelle da. Die sinkenden Ausbildungszahlen schlagen voll durch: 2005 hatten von 37 PSA-Schülern nur drei eine Lehrstelle. Johanssen bleibt aber Optimist: "Auf dem, was die Schüler hier gelernt haben, können sie ihre Zukunft aufbauen." DruckversionZurück zur Übersicht Stuttgarter Zeitung, 05.11.2005 Eine Schule für die "am anderen Ende"Die Produktionsschule in Hamburg-Altona eröffnet Hauptschulabbrechern eine neueChance zum Berufseinstieg Von Michael Weißenborn Alwine hat nach der achten Klasse in kurzer Zeit gleich mehrere Schulen hinter sich gebracht: Zunächst ging sie auf die Waldorfschule, dann ein Vierteljahr auf die Realschule und schließlich wieder auf die Waldorfschule. "Danach hat es mir gereicht, ich hatte keine Lust mehr", erzählt die Achtzehnjährige. "Die Schulwechsel waren total ermüdend und schrecklich", sagt sie. Die junge Frau, die vom Bodensee stammt, hat zwei Jahre gejobbt und nach einer Schule gesucht, die ihr gefällt. Jetzt will sie ihren Hauptschulabschluss nachholen, denkt auch an den Realschulabschluss und "vielleicht das Abitur". Bei dem 17-jährigen Jan liegen die Dinge ganz ähnlich. Er bringt es auf fünf bis sechs Schulwechsel. Ganz genau will er sich wohl gar nicht mehr daran erinnern. "Dann bin ich in der neunten Klasse zweimal sitzen geblieben", erzählt er. Fälle wie der von Alwine und Jan sind keine Seltenheit. In einer Großstadt wie Hamburg brechen weit mehr als zwanzig Prozent die Hauptschule ohne Abschluss ab. Ihre Chance, eine Lehrstelle zu finden und damit eine berufliche Perspektive, ist damit noch geringer als die von Hauptschulabsolventen - von ihnen ergattern in der Stadt zehn bis fünfzehn Prozent eine Lehrstelle. Genau dort setzt die Produktionsschule in Hamburg-Altona an, die Alwine und Jan jetzt besuchen. An der 1999 gegründeten Ganztagsschule im Hamburger Problemstadtviertel Altona werden 44 Jugendliche ein Jahr lang unterrichtet. Sie haben dort die Chance, ihren Hauptschulabschluss nachzuholen. Im Mittelpunkt steht aber nach dänischem Vorbild neben dem Unterricht in Deutsch, Mathematik und Englisch die praktische Arbeit in vier Werkstätten - der Medienwerkstatt, Tischlerei, Videowerkstatt und Kantine. Die Schüler stellen dort Waren und Dienstleistungen für Kunden her und bekommen dafür ein Schulgeld von 150 Euro im Monat. An einem Tag in der Woche gehen sie zum Praktikum in einen Betrieb. "Unser Ziel ist es, dass die Jugendlichen so fit werden, dass sie anschließend in die Berufsausbildung überwechseln können", sagt Schulleiter Thomas Johanssen. "Die betrieblichen Erfahrungen haben zu einer deutlichen Steigerung der Motivation unter den Jugendlichen geführt", bilanziert Professor Reiner Lehberger, der wissenschaftliche Leiter des "Lern-Werks" bei der Zeit-Stiftung, die alternative Formen der Berufsorientierung auch an anderen Schulen in Hamburg und Rostock fördert. Ganz oft funktioniert zu Hause gar nichts mehr", beschreibt Johanssen den schwierigen sozialen Hintergrund von vielen seiner Schüler. Das schulische Versagen zeichne sich meist schon am Ende der Grundschulzeit ab, erzählt der Schulleiter. "Diese Schüler bleiben mindestens einmal sitzen, wechseln die Schulen." Es mangele ihnen an den Kulturtechniken wie Rechnen und Schreiben. Lehrstellen blieben unerreichbar, aber auch das herkömmliche System der Berufsvorbereitung versage, ablesbar an der hohen Abbrecherrate, meint Johanssen, der lange als Berufsschullehrer gearbeitet hat. In der Tischlerei der Produktionsschule Altona zimmern zehn Jugendliche unter der Anleitung des pädagogisch ausgebildeten Schreiners Joachim Böcker an vier Tagen in der Woche Möbelstücke. "Da muss man von der Auftragsannahme bis zum Schluss pünktlich und präzise arbeiten", meint Böcker. Und das Mobiliar - gerade wurden zwei Einbauküchen für Schulen fertiggestellt, und im Hof wartet ein Außenklo für eine Behinderteneinrichtung auf den Abtransport - wird zu Marktpreisen verkauft. Wer von den Schülern Fehlzeiten hat, bekommt die von seinem Schulgeld abgezogen. Wer dagegen stetig mitarbeitet, erhält einen daraus finanzierten Bonus. Zwar findet wohl kaum einer der Jugendlichen einen Ausbildungsplatz als Tischler - dasselbe gilt auch für diejenigen mit Erfahrungen beim Webdesign oder in der Videowerkstatt. Aber wichtige Kernkompetenzen für die Arbeitswelt wie Verantwortungsgefühl und Zuverlässigkeit werden eingeübt. Und auch der Stolz der Jugendlichen über die vorzeigbare Arbeit und ihr Selbstvertrauen werden entwickelt. Die gemeinsamen Mahlzeiten in der Schulkantine stärken das Sozialgefühl weiter. "Man müsste viel früher damit anfangen", sagt Schulleiter Johanssen, bevor der schulische Abstieg der Jugendlichen drohe. Scharf geißelt er, dass es im deutschen Bildungssystem "kein großes Interesse an diesen Menschen" gebe. Die Produktionsschule, von denen es in Dänemark rund hundert gibt, böte ein schlüssiges alternatives Schulkonzept. Doch in Deutschland gibt es gerade einmal 22. Und selbst seine eigene Schule ist nicht dauerhaft finanziell gesichert. Neben den 400 000 Euro von der Hamburger Schulbehörde ist die Altonaer Schule auf Sponsoren aus der Wirtschaft und von Stiftungen angewiesen. Die Zeit-Stiftung zieht sich nach sechs Jahren gerade aus der finanziellen Förderung zurück. Außerdem, räumt Johanssen ein, sei das Jahr, das die Schüler an seiner Schule verbringen, sehr kurz. Und der Übergang in die Arbeitswelt bleibt schwierig. "Das gelingt uns in vielen Fällen, in vielen Fällen aber auch nicht." DruckversionZurück zur Übersicht Hamburger Morgenpost, 13.09.2005 Hauptschüler fragen Politiker: Haben wir überhaupt eine Chance?Podiumsdiskussion an Altonaer SchuleVon Anja Wiemken Hauptschüler, die in Hamburg einen Ausbildungsplatz suchen, haben kein leichtes Spiel. Die Produktionsschule Altona lud vor diesem Hintergrund und unter dem Motto "Für das Leben lernen wir - oder für die Arbeitslosigkeit?" gestern zu einer Diskussionsrunde mit Hamburger Politikern. Die Schüler löcherten die Experten mit jeder Menge Fragen. Ihab Taha (22) machte gleich zu Beginn seinem Ärger Luft: "Wie kommt es, dass ich für eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann beim "Toom Markt" mindestens einen Realschulabschluss brauche?" Wenn selbst dort nur Realschüler oder Abiturienten genommen würden, gäbe es für Hauptschüler bald kaum noch Chancen. Auch die 16-jährige Tülay Yesilyurt ist frustriert: "Es ist toll, dass ich hier meinen Abschluss machen kann, aber was kommt dann?" Und Lutz Meinert (18) sprach fast allen Anwesenden aus der Seele, als er fragte: "Was wollt ihr genau tun, damit es auch für uns Hauptschüler mehr Ausbildungsplätze gibt?" Olaf Scholz (SPD) gab sich angesichts der Situation der Hauptschüler verständnisvoll: "Die Betriebe haben eine Ausbildungsverpflichtung, der sie in den vergangenen Jahren gerade in Hinblick auf die Hauptschüler nicht genügend nachgekommen sind. Das müssen wir ändern." Marcus Weinberg (CDU) betonte, dass Hauptschüler schon während der Schulzeit mehr Praxisbezug bräuchten. "Da ist bisher zu wenig zusammengearbeitet worden." Laut Bundesagentur für Arbeit suchen im Moment noch rund 500 ehemalige Hauptschüler nach einem Ausbildungsplatz in Hamburg. DruckversionZurück zur Übersicht Hamburger Abendblatt, 23.05.2005 Schule zahlt Schülern StundenlohnUnterricht: Geld soll in Produktionsschule Altona Anreiz für gescheiterte Jugendliche seinVon Miriam Opresnik Zur Schule gehen, eigenverantwortlich arbeiten, statt dumpf pauken - und dafür auch noch Geld bekommen, das ist vermutlich der Traum aller Schüler. In Bahrenfeld wird die Vision vom selbständigen Lernen Wirklichkeit - in der Produktionsschule Altona (PSA), Hamburgs einziger Schule, die ihren Schülern Geld zahlt. 150 Euro pro Monat. "Zudem gibt es Prämien für diejenigen, die regelmäßig und pünktlich zum Unterricht kommen - oder Abzüge für unentschuldigtes Fehlen", so Schulleiter Thomas Johanssen. Das sogenannte Schülergeld dient als Anreiz und Anerkennung. Als Anreiz, kontinuierlich am Unterricht teilzunehmen. Um etwas zu lernen. Nicht für die Schule, sondern fürs Leben. Denn dort sind die meisten der 44 Teilnehmer bisher gescheitert. Viele haben die Schule geschmissen, haben weder Abschluß noch Zukunftsperspektive. "Weil die Lehrer ätzend waren", der Unterricht öde, oder weil sie einfach keinen Bock mehr hatten. "Das war mir alles zu theoretisch", sagt Bastian Schau (18), der die Hauptschule abgebrochen hat. "Weil ich den ganzen Tag nur rumgesessen und zugehört habe. Ich will aber selbst aktiv sein." So wie in der Produktionsschule Altona. Praxis wird hier großgeschrieben, Mathe- und Deutschunterricht gibt es nur zwei Stunden pro Tag. Die meiste Zeit verbringen die Schüler in den Werkstätten, dem Zentrum der Schule. Hier produzieren und vermarkten die Schüler Waren und Dienstleistungen. Je nach ihren individuellen Fähigkeiten und Interessen arbeiten sie in der Küche/Kantine, der Tischlerei, Medien- oder Videowerkstatt. "Ziel ist es, den Jugendlichen durch die Herstellung von marktfähigen Produkten und Dienstleistungen Verantwortungsbewußtsein und Selbständigkeit zu vermitteln", sagt Schulleiter Johanssen. Da alle Produkte verkauft werden, bekommen die Schüler zudem Anerkennung für ihre Arbeit. "Die Anerkennung der Leistung ist mir viel wichtiger als das Schülergeld", sagt Bastian Schau, der unter Anleitung eines Kochs und einer Hauswirtschaftlerin in der Küche und Kantine arbeitet. "Wir frühstücken und essen hier gemeinsam, jeden Tag. Das fördert den Zusammenhalt", sagt Thomas Johanssen. In der Kantine werden jedoch nicht nur die Schüler und Lehrer verpflegt, sondern auch Mitarbeiter umliegender Firmen. Für 4 Euro bekommen sie ein Drei-Gänge-Menü - und die Schüler Bestätigung. "Bei uns ist die Arbeit nicht von der Realität losgelöst - sie hat Ernstcharakter", so Johanssen. Das gilt für jede der vier Werkstätten. In der Medienwerkstatt werden Plakate, Flyer und Webseiten gestaltet, in der Videowerkstatt Firmenporträts gedreht sowie geschnitten und in der Tischlerei Möbel hergestellt - für private und öffentliche Kunden, die der PSA Aufträge erteilt haben und dafür den marktüblichen Preis bezahlen. "Das ist eine Bedingung der Handwerkskammer. Damit wir dem ersten Arbeitsmarkt keine Konkurrenz machen", erklärt Johanssen. Die Schule finanziert sich über die Einnahmen aus Kundenaufträgen, einen Zuschuß der Bildungsbehörde (400 000 Euro pro Jahr) und Spenden. Doch die Mittel sind knapp, viele Spendenprogramme laufen in diesem Jahr aus. "Wenn wir keine neuen Sponsoren finden, müssen wir die Grafik- und Videowerkstatt schließen", sagt Johanssen, der auch Gründer der Schule ist. Nachdem er sich 1989 persönlich vom Erfolg der Produktionsschulen in Dänemark überzeugt hatte, richtet er zehn Jahre später in Hamburg eine Schule dieser Art ein - als Alternative zum Berufsvorbereitungsjahr. "Ich wollte zeigen, wie mit Benachteiligten erfolgreich gearbeitet werden kann", sagt Johanssen. Der Erfolg gibt ihm recht. Von 165 Schülern haben mehr als 50 Prozent nach der ein- bis zweijährigen Schulzeit eine Ausbildung oder Arbeit gefunden, 75 Prozent haben ihren Hauptschulabschluß nachgeholt - ebenfalls auf der PSA. Denn neben der Arbeit in den Werkstätten sowie einem eintägigen Betriebspraktikum steht auch Unterricht in Deutsch und Mathe auf dem Wochenstundenplan. Auch Bastian Schau holt gerade seinen Abschluß nach und blickt wieder optimistisch in die Zukunft. Im Sommer beginnt er eine Ausbildung als Koch. Für das kommende Schuljahr ab 1. August nimmt die Produktionsschule Altona neue Schüler auf. Infos unter Telefon: 851 77 07. DruckversionZurück zur Übersicht Pädagogik, Heft 4/2004 Perspektiven in der PerspektivlosigkeitVon Thomas Johanssen und Kay StöckWie kann eine Schule arbeiten, die besonders benachteiligten entmutigten Schülerinnen Perspektiven in der Perspektivlosigkeit bieten will? Das aus Dänemark importierte Konzept der Produktionsschule macht die Werkstätten in der Schule zum zentralen Ort für Lernen und Arbeiten. Es ist das reale Produkt, der Kontakt zu Kunden und der marktübliche Preis, der gegen alle Entmutigung Lust auf Leistung und Arbeit neu entstehen lässt. Wirklich zurechtgekommen sind sie in ihren Schulen nicht. Das haben alle Schülerinnen und Schüler der Produktionsschule Altona (PSA) gemeinsam. Sie gelten als Schulversager, Leistungsverweigerer, Schwänzer. Irgendwann haben sie die Schule vorzeitig abgebrochen oder ohne Erfolg, das heißt immer noch ohne Abschluss, verlassen. Sie alle kommen auf direktem Weg zu uns. Ein Freund hat von der Produktionsschule erzählt, jemand hat in der Zeitung über die Schule gelesen oder ein Lehrer nimmt Kontakt zu uns auf. Nur 44 Schüler Wir sind froh darüber, dass nur 44 Schülerinnen und Schüler die PSA besuchen. Wir wollen die Beziehungen untereinander stärken, eine Atmosphäre schaffen, in der Anonymität nicht aufkommen kann, in der niemand wegschaut, sich duckt und ein offener Umgang gelernt werden kann. Wir kennen uns alle, es kann Vertrautheit und Verlässlichkeit entstehen, Konflikte lassen sich meist direkt und unmittelbar lösen. Für unsere Schülerinnen und Schüler haben wir viel Zeit. Wir besprechen mit ihnen ihre Ziele, wir klären die Aufgaben. Täglich arbeiten wir sieben Stunden mit ihnen zusammen und dabei wollen wir wenigstens das erreichen: Lust auf Arbeit und Zuversicht. Das ist nicht selbstverständlich bei Jugendlichen, die auch andere Wege kennen, um an Geld heranzukommen; für die Arbeit erst einmal nur Anstrengung ist, denen die Lust am Lernen schon lange vergangen ist und denen Anerkennung bisher meistens versagt geblieben ist. Lust auf Arbeit Die Werkstätten sind der zentrale Ort, an dem sich das Lernen und Arbeiten abspielt. Zwei traditionelle Bereiche ñ Küche/Kantine und Tischlerei ñ werden neben den "modernen" Video, Medien und Grafik angeboten. Die Lerngruppen sind also klein, betreut in der Regel von zwei Anleitern. Wie kann nun ein Interesse an der Arbeit in der Produktionsschule entstehen, das nicht so schrecklich bemüht wirkt, wie in vielen gut gemeinten, aber oft auch lustlos durchgeführten Projekten, die Schule auch nicht wirklich besser machen? Wir setzen auf zweierlei: Anerkennung und Leistung unserer jugendlichen Mitarbeiter. Von unseren Schülerinnen und Schülern fordern wir Leistungen für Produkte und Dienstleistungen, die die PSA verkauft. Private und öffentliche Kunden erteilen den Werkstätten Aufträge in der Erwartung guter Qualität. Dafür sollen sie dann auch einen guten (marktüblichen) Preis zahlen. Die Arbeit an einem Kundenauftrag ist keine konstruierte pädagogische Aufgabe ñ sie hat Ernstcharakter. "Damit wird der Begriff der Arbeit von den oftmals üblichen Konnotationen wie Mühsal, Plage, Langeweile befreit und mit neuen Inhalten versehen. Bildung ist nicht etwas von Realität Losgelöstes, sondern erfolgt durch die Produktion gesellschaftlich nützlicher Arbeit." (Belschan-Casagrande 2003) Die reale Beziehung zu einem Kunden, die Auseinandersetzung mit dessen Wünschen, die Kalkulation von Preisen, die Überlegung zur Gestaltung und Ausführung eines Produktes, das alles bietet den Schülern die Möglichkeit von Identifikation. Und wenn die Auftragslage stimmt, dann wissen die meisten das auch zu nutzen. Anerkennung und Leistung In der Produktionsschule spielt die Anerkennung von Leistung eine große Rolle. Darauf achten nicht nur die Lehrer und Anleiter ñ in der PSA gibt es keine Noten ñ sondern es sind vor allem Kunden, die Anerkennung ausdrücken oder auch (selten) Missfallen. Private und öffentlich Auftraggeber schätzen unsere Arbeit, weil sie professionell ñ aber auch pädagogisch sinnvoll und gewinnorientiert ausgeführt und termingerecht abgeliefert wird. Das lässt sich nur mit einem Team besonders engagierter Kolleginnen und Kollegen erreichen, die sich mit der Idee einer Produktionsschule identifizieren und die die Forderungen des Marktes nicht mit pädagogisch begründeten Entschuldigungsformeln unterlaufen; nur wenige von ihnen sind Lehrer. Eine andere Form der Anerkennung wirkt sich materiell aus. Die Jugendlichen in der Produktionsschule erhalten ein Schülergeld von monatlich 150 Euro. Unentschuldigtes Fehlen führt zu Geldabzug, regelmäßiges Kommen zu einer Extraprämie. Produktion Die Palette der Produkte ist breit. In der Tischlerei werden gerade Ausstellungsvitrinen für das Hamburger Schulmuseum gebaut, eine Kundin aus der Nachbarschaft hat ein Regalsystem bestellt, zwei Jugendliche arbeiten im Ausstellungsbau in den Deichtorhallen. Eine Gruppe von Jugendlichen der Videowerkstatt hat gerade für einen Wettbewerb einen Film produziert. Titel: "Stratzen, flitzen, heizen" und dafür einen Preis gewonnen, andere Jugendliche arbeiten an einem Werbefilm für ein Dienstleistungsunternehmen, die dritte Gruppe sitzt am Schnitt eines Musikvideos. Die Grafikwerkstatt entwickelt ein neues Logo für eine Steinmetz-Firma, eine Schülerin arbeitet an dem Entwurf eines großen Plakates für eine Veranstaltung in Wien. In der Küche wird nicht nur für den täglichen Mittagstisch gekocht, für die Schulgemeinde und für die Gäste von außerhalb, auch ein Cateringauftrag muss erledigt werden. Der Azubistammtisch des Verbandes türkischer Unternehmer möchte von der Medienwerkstatt die Überarbeitung seiner Homepage. Die Kantine als Lernort Eine Regel in der Produktionsschule heißt: "Wir frühstücken und essen gemeinsam!" Das klingt in Zeiten von fast-food und Schnelllebigkeit vielleicht befremdlich, es fördert allerdings den Zusammenhalt und den Kontakt untereinander. Die Kantine ist in diesen Zeiten der Raum, in dem man sich sieht und trifft. Hier wird nicht über Benimm-Unterricht theoretisiert, hier wird darauf hingewiesen, wie man sich vorteilhaft verhält. Man erfährt gewissermaßen leibhaftig, wie unangenehm schlechtes Benehmen am Tisch sein kann. Die Kantine der Produktionsschule ein Lebens- und Lernort. Mitarbeiter anliegender Firmen nutzen das Frühstücks- wie auch das Mittagsangebot mit einem 3-Gänge-Menü. Salat, Hauptspeise und Nachtisch bekommt der Kunde für vier Euro. Unsere Kunden bezahlen und die Mitarbeiter der Kantine kassieren. Preise für Getränke und Essen addieren, in die Registrierkasse eingeben, Wechselgeld ausgeben und Ruhe in der Kernzeit bewahren. Berufswunsch, Wille und Motivation stehen dann schon mal auf dem Prüfstand. Arbeit ist nicht alles Wunder vollbringen wir nicht. Auch unser Bildungsangebot trifft nicht immer die Vorstellungen und die Motivation der Bewerberinnen und Bewerber. Auch wir müssen erfolgsorientiert arbeiten, müssen bestimmte Übergangsquoten erreichen. Sehr schnell erkannten wir, dass die Orientierung an Ernstarbeit in den Werkstätten nicht ausreichen würde, um einen größeren Teil unserer Schülerinnen und Schüler in den Ausbildungs- bzw. Arbeitsmarkt zu vermitteln. Das am Ende der Produktionsschulzeit überreichte Zeugnis mit den Hinweisen auf Pünktlichkeit, Selbständigkeit und Durchhaltevermögen und der Darstellung ihrer Tätigkeiten in den jeweiligen Werkstätten reicht allein nicht aus, um den Eingang in den Arbeits- und Ausbildungsmarkt zu finden. Dies gilt auch für den Hauptschulabschluss. Beide Abschlüsse sind keine Eintrittskarte in das Ausbildungssystem mehr. Das ist für uns Anlass, über weitere Schritte nachzudenken. Praxistag, Diagnose und Job-Finder Unsere Schülerinnen und Schüler müssen zusätzlich zur Werkstattarbeit, an einem Tag in der Woche, in einem ausgesuchten Betrieb mitarbeiten. Diese Arbeit wird durch eine selbst gestellte Lernaufgabe dokumentiert. In diesem Jahr beginnen wir mit Hilfe eines Diagnosebogens im Fach "Berechnungen" Stärken und Schwächen zu analysieren. Damit hoffen wir die Felder benennen zu können, die wir stärker bearbeiten müssen oder gar nicht bearbeiten können, da sie zu defizitär sind. Wir benötigen den Mut zu Lücke. Der nächste Veränderungsschnitt ist, dass wir einen sogenannten Job-Finder beschäftigen, dessen Aufgabe es ist, Stärken- und Schwächenprofile unserer Jugendlichen mit den Anforderungen potentieller Ausbildungsbetriebe abzustimmen. Auch für uns gilt immer wieder, viel von dem zu berücksichtigen, was zu unseren Stärken gehört: Beziehungen herstellen, Vertrauen ermöglichen, die Werkstätten als flexibles und sinnvolles Curriculum nutzen, Arbeit als didaktisches Zentrum begreifen. Geld regiert auch die Produktionsschule Die Produktionsschule Altona ist eine gemeinnützige GmbH mit der Pflicht, eine Bilanz am Ende des Geschäftsjahres abzuliefern. Neben pädagogischen Argumenten finden somit auch materielle Konsequenzen Einlass in Entscheidungsprozesse. Der Grundsatz lautet: "Alles was wir tun kostet Geld!" Wir haben lediglich die Frage zu beantworten, womit wollen wir das bezahlen und worauf müssen wir dann verzichten. Die Bereitschaft, über materielle Konsequenzen pädagogischen Handelns nachzudenken, ist für uns zu einer harten, weil immer wieder Auseinandersetzungen provozierende Selbstverständlichkeit geworden, die uns aber die Notwendigkeit und Chance eröffnet, klar und deutlich über Mittel und Zweck von Entscheidungen nachzudenken. Wir erhalten von der zuständigen Behörde eine festgelegte Zuwendung, die mit einer Leistungsvereinbarung verbunden ist. Wir werden von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius unterstützt, erhalten eine Projektförderung durch die Philips GmbH und verdienen einen Teil unserer Kosten durch den Verkauf unserer Produkte und Dienstleistungen. Die Planung und Verwendung des Budgets bleibt uns überlassen. Wir haben allerdings Berichtspflicht und die Aufgabe, die Ausgaben zu begründen. Kritische Freunde Die ZEIT-Stiftung ist in gutem Sinne ein kritischer Freund. Sie sichert bereits im vierten Jahr den Betrieb unserer Videowerkstatt. Wir legen ihr gegenüber nicht nur Rechenschaft ab, sondern mit ihrer Unterstützung können wir unsere Arbeit weiter entwickeln. Zuletzt ist dieses nach einer von der Stiftung in Auftrag gegebenen externen Evaluation geschehen. Im Rahmen des von der Stiftung gegründeten "Lern-Werks Hamburg", einem Zusammenschluss von sieben Hauptschulen und der PSA, wurde auch unserer Schule evaluiert. Herausgekommen sind dabei positive Aussagen zum konzeptionellen Ansatz ("Der PSA ist es gelungen, eine Produktionsschule zu schaffen, auf die man sehr stolz sein kann, und die wir mit den besten Produktionsschulen in Dänemark vergleichen wollen," so der dänische Consulent Verner Ljung); außerdem Bestätigungen der Schülerzufriedenheit und des äußerst angenehmen Lernklimas. Es gab aber auch kritische Hinweise: "Eine Profilierung der PSA nach innen (stärkere Verzahnung von Unterricht mit der Werkstattarbeit), die Sicherung des Rahmens (Verstetigung der Finanzierung) und eine Stärkung der Anschlussperspektiven (Berufsausbildung und Beruf) sind notwendig." (Weiße 2003) Den letzten Hinweis verstehen wir als Aufforderung, die Übergangsquoten in Ausbildung und Arbeit deutlich zu verbessern. Perspektiven Die Produktionsschule Altona in Hamburg ist eine Modellschule. Wir wollen ein Stachel im Fleisch des alten Systems sein, indem wir zeigen, wie mit "Benachteiligten" erfolgreicher gearbeitet werden kann. Wir wollen eine Alternative zu dem etablierten Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) sein. Wenn wir von einem Modell sprechen, meinen wir allerdings auch, dass die Verbindung von Arbeiten und Lernen nicht nur als "letzte Chance" für die Gescheiterten des herkömmlichen Bildungssystems begriffen werden sollte, sondern dass vielfältige Formen praktischen Lernens eine Antwort, sicher nicht die einzig denkbare, auf Krisenerscheinungen in unserem Bildungswesen sind. Wir sehen also in der Produktionsschule mit allen ihren Besonderheiten durchaus ein attraktives Lernangebot für Schülerinnen und Schüler des allgemein bildenden Schulwesens und zwar auch dann, wenn sie vom Scheitern (noch) nicht bedroht sind. Wir verfolgen das Ziel, möglichst viele Jugendliche in eine Ausbildung oder wenigstens in Arbeit zu bringen. Dieses ist ohne grundsätzliche Veränderung von Strukturen und Inhalten nicht möglich. Die Produktionsschule trägt als Modellschule ihren Teil zur Veränderung von Strukturen und Inhalten dazu bei. Nutzen wir sie! Die Produktionsschule versteht sich nicht als Reparaturbetrieb des allgemein bildenden Schulwesens, gleichwohl ist sie ein Teil davon. Nur, ist eine "Reparatur" an Schulscheiterern, die ohne elementarste Kenntnisse nach neun Jahren zu uns kommen, überhaupt möglich? Wer die Grundrechenarten nicht beherrscht, einfachste Sätze nicht fehlerfrei schreiben und einfache Arbeitsanweisungen nicht verstehen kann, der soll, so der Anspruch, in einem Jahr so weit vorbereitet sein, dass er eine Berufsausbildung erfolgreich bestehen kann. Eine Illusion!? Bedenkt man weiter, dass viele Jugendliche nicht im kognitiven Bereich gescheitert sind, sondern weil sie in ihrem Verhalten sozial unangepasst sind, dann sollte einem klar werden, dass Berufsvorbereitung im "Durchlauferhitzer" irgendwelcher "Maßnahmen" nicht erfolgreich sein kann. Die Produktionsschule ist als Institution mit ihrer betrieblichen Struktur eine Perspektive. Sie ist für ihre Schülerinnen und Schüler dann sinnvoll, wenn diese über das Lernen in diesen Strukturen in die Lage versetzt werden und sie sich selbst in die Lage versetzen, ihr Anliegen in die Hand zu nehmen und für sich Verantwortung zu übernehmen. Das ändert nichts an der bedrückenden Situation auf dem Ausbildungsstellenmarkt. Im Monat Oktober 2003 hatten wir eine Abwesenheitsquote von sechs Prozent. Daraus kann man den Schluss ziehen, dass es eine hohe Bindung der Schülerinnen und Schüler an die PSA gibt. Wir sind insofern sehr erfolgreich, weil wir von unseren Schülern etwas fordern - Leistung und regelmäßigen Schulbesuch ñ und weil hier die Erfahrung möglich ist, dass Schule auch Spaß machen kann. Dieser Spaß stellt sich immer dann ein, wenn neue Lernerfahrungen möglich sind. Die machen unsere Schüler vor allem in der Werkstatt. Sind Auftraggeber, Produkt und Aufgabenstellung für den Einzelnen klar, dann gibt es Identifikationsmöglichkeiten, es entsteht Verbindlichkeit und die Erfahrung von Lernerfolgen. Die Hälfte unserer Schüler(innen) geht nach einem Jahr in eine Ausbildung oder in einen Job. Ihnen haben wir eine Perspektive eröffnet. Davon gehen allerdings nur 23 Prozent in eine Berufsausbildung. Die Perspektive der anderen ist schwer einzuschätzen. Ob der weitere Weg über schulische Bildungsgänge wirklich in eine erfolgversprechende Zukunft führt, ist ungewiss. Zufrieden wollen wir damit nicht sein. Literatur Belschan-Casagrande, Renate: Feasibility-Studie. Möglichkeiten der Ausbildung am Beispiel der Produktionsschule, Wien 2003 Weiße, Wolfram: Evaluation der Produktionsschule Altona. Bericht und Ergebnisse, Hamburg 2003 (Manuskript) DruckversionZurück zur Übersicht Hamburger Abendblatt, 15.01.2004 50 000 Euro für die BerufsförderungVon Vivian S. Hass"Die Verantwortung für das Allgemeinwesen steckt schon in den Genen des Unternehmens Philips", sagte Walter Conrads, Geschäftsführer der Philips GmbH, gestern bei der Übergabe eines Schecks in Höhe von 50.000 Euro an das "Lernwerk Hamburg". "Lernwerk" ist ein Projekt der ZEIT-Stiftung, das insgesamt sieben Haupt- und eine Produktionsschule fördert, um Lernschwächeren den Einstieg in das Berufsleben zu erleichtern. Philips engagiert sich seit mehr als 100 Jahren mit einem Nachhaltigkeitsprogramm für die Umwelt und soziale Projekte. Der gespendete Betrag wird der Produktionsschule Altona (PSA) zugute kommen, die davon einen "Job-Finder" engagiert. Ab Februar wird Kirstin Kaufmann (33) zunächst für zwei Jahre die Motivation der Schüler und die Akquise von Ausbildungsplätzen übernehmen. Thomas Johannsen, Geschäftsführer der PSA, freute sich sehr über die Unterstützung der Firma Philips und übergab Conrads als Dank eine DVD mit einem Kurzfilm seiner Schüler. Der Film hat den ersten Preis beim Wettbewerb der Hamburger Jugendmediale gewonnen. Auch Bildungssenator Reinhard Soltau (FDP) lobte die Zusammenarbeit mit dem "Lernwerk" als sehr erfolgreich. "Hauptschüler können durchaus etwas leisten. Das Projekt kann stolz sein auf den europäischen Preis, den es gewonnen hat", so Soltau. Erst im November wurde "Lernwerk" der Alcuin-Award verliehen, eine Auszeichnung für innovative Schulprojekte in Europa. Wegen des großen Erfolgs werden nun weitere 25 Schulen in das Projekt aufgenommen. Michael Göring, Vorstand der ZEIT-Stiftung: "Der PSA gelingt es in besonderer Weise, benachteiligte Jugendliche aufzufangen, so dass sie durchaus fähig sind, später im Arbeitsleben zu bestehen." Er hoffe, dass das Beispiel von Philips viele Nachahmer finden wird. Die Schüler der PSA konnten bei der Spendenübergabe übrigens nicht dabei sein. Sie standen gerade als Statisten bei einer HH1-Produktion vor der Kamera. DruckversionZurück zur Übersicht Flensburger Tageblatt, 18.11.2000 Die Produktionsschule Altona stärkt das SelbstbewusstseinHier werden Jugendliche mit schlechten Berufschancen fit fürs Leben gemachtVon Emmo Ballhaus Der neue Song von "DJ Söse" ist noch nicht in den Charts, aber am Videoclip kann es nicht liegen. Die 3-Minuten-Geschichte über den Liebeskummer eines Teenagers wurde so professionell verfilmt, dass sie auch auf dem Musiksender MTV laufen könnte. Doch das Video ist nicht das Werk von Berufsfilmern, sondern von Schülern der Hamburger Produktionsschule Altona (PSA). In den Werkstätten der Produktionsschule Altona geht es nicht nur musikalisch zu. Hier entstanden auch Möbel für die Cafeteria, Schilder für die Jugendmusikschule und in der Küche Buffets für Feierlichkeiten. "Wir können alles", sagt ein Schüler stolz. "Bloß in Mathe hapert es", seufzt Lehrer Kai Stöck. In Dänemark gibt es überall Produktionsschulen, in Deutschland kaum, in Hamburg bis 1999 gar keine. Im September vorigen Jahres war es dann so weit: 40 Jugendliche, die aus unterschiedlichen Gründen keinen Schulabschluss hatten, wurden an der neu eröffneten PSA aufgenommen. "Wir wollten ein Angebot machen, das diese Jugendlichen in Arbeit und Ausbildung bringt, die sonst kaum Chancen hätten", erzählt Schulleiter Thomas Johanssen. "Und es muss sich bei dieser Arbeit auch nicht immer um Gebäudereinigung oder Mauern handeln." In Altona können sich die Jugendlichen ein oder zwei Jahre lang durch praktische Arbeit beruflich orientieren und ihren Abschluss nachholen. Die Hamburger Schulbehörde und die ZEIT-Stiftung lobten die Institution und unterstützten die Einrichtung finanziell. Das Lernen an der PSA hat mit dem an einer normalen Schule nicht viel gemein. Schüler und Lehrer frühstücken morgens gemeinsam, dann wird zwei Stunden lang Mathe und Deutsch gepaukt. Anschließend arbeiten die Schüler bis nachmittags in den verschiedenen "Werkstätten". Wer gerne kocht geht in die Küche, wer gerne handwerklich arbeitet, in die Tischlerei. In der Medienwerkstatt werden Videofilme gedreht und digital bearbeitet, im EDV-Raum arbeiten die Schüler mit Grafikprogrammen und vernetzen Computer. Fast alles, was in den Werkstätten produziert wird, sind bezahlte Auftragsarbeiten für Firmen und Private. Die Dienste der Produktionsschule werden gerne in Anspruch genommen. "Besonders die Tischlerei ist gut ausgelastet", erklärt Johanssen. Momentan wird dort an Betten für ein Schullandheim gezimmert. Trotzdem: "Wir sind kein Betrieb sondern eine Schule", sagt er bestimmt. Die PSA zahlt nicht nur Ausstattung, Material und Mitarbeiter, auch die Schüler erhalten 300 Mark im Monat. Das ist nicht viel aber ein wichtiger Anreiz. Wer vier Wochen pünktlich war, bekommt eine Prämie. Wer unentschuldigt fehlt oder zu spät kommt, erhält nicht die vollen 300 Mark. Die PSA hat eine Fehlquote von zwei Prozent. Nach rund 400 Tagen Produktionsschule ist Johanssen mit der ersten Bilanz recht zufrieden: 27 Schüler sind abgegangen, davon dreizehn, weil sie einen Ausbildungsplatz oder Arbeit gefunden hatten. Die meisten davon haben ihren Hauptschulabschluss oder sogar Realschulabschluss gemacht. Das primäre Ziel der Schule ist es aber nicht, dass jeder unbedingt einen Abschluß bekommen muss. Nicht jeder schafft das. Johanssen: "Unser Ziel ist es, die Jugendlichen als selbstbewusste Menschen zu entlassen, die Interesse an sich selbst und ihrer Arbeit haben." DruckversionZurück zur Übersicht Die Welt, 10.11.2000 Senatorin Pape will mehr Ganztagsschulen in HamburgDas Angebot an Ganztagsschulen soll in Hamburg ausgebaut werden. Das erklärte Schulsenatorin Ute Pape auf dem heute in Hamburg endenden Ganztags- schulkongress 2000. 250 Pädagogen haben sich drei Tage lang über die Chancen und Herausforderungen von Ganztagsschulen innerhalb unseres Schulsystems unterhalten. Senatorin Pape wies darauf hin, dass in Hamburg in dieser Legislaturperiode vier weitere Ganztagsschulen eingerichtet wurden. Sie machte aber auch die Probleme deutlich: "In diesem Tempo kann die Befriedigung der Nachfrage Jahrzehnte dauern."Derzeit gehen etwa 4,5 Prozent aller deutschen Schüler auf eine Ganztagseinrichtung. Der Bedarf liegt aber bei rund 30 Prozent. Deshalb schlägt die Schulsenatorin die Entwicklung von zusätzlichen Nachmittagsangeboten in Kooperation von Schule und Jugendhilfe vor. Aber auch die Frage nach kurzfristig finanzierbaren Alternativen müsse offen diskutiert werden. Der Vorsitzende des Ganztagsschulverbandes Stefan Appel sagte, dass sich inzwischen alle Bundesländer für einen Ausbau der Ganztagsschule einsetzen. Eine besondere Form einer Ganztagsschule zog am Donnerstag Bilanz: Die Produktionsschule Altona (PSA) bietet seit rund 400 Tagen berufsschulpflichtigen Jugendlichen, die im konventionellen Schulwesen gescheitert sind, die Möglichkeit, sich auf das Berufsleben vorzubereiten. Zusätzlich zu den Fächern Deutsch und Mathematik erhalten die Jugendlichen eine handwerkliche Ausbildung in verschiedenen Werkstätten. Senatorin Pape, die die PSA am Donnerstag besuchte, zeigte sich vom Konzept überzeugt: "Im Mittelpunkt steht hier anwendungsorientiertes Lernen, das auf den Grundsätzen moderner Didaktik beruht." Mit einer neuen, von Schülern hergestellten CD-Rom will die privat geführte PSA, die durch die Schulbehörde, die Stadtentwicklungsbehörde und durch die ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius gefördert wird, Sponsoren für ihre Arbeit finden. (mk) DruckversionZurück zur Übersicht Publik Forum, Heft 7/2000 Das Schulwunder von Hamburg-AltonaIn der Produktionsschule bekommen Jugendliche eine zweite Chance - und sie nutzen sieVon Wigbert Tocha Es gibt Tortellini mit Brokkolisoße, Salat und Nachtisch. Die große Kantine ist freundlich eingerichtet, mit hellen Holztischen statt sterilem Plastik. Zuständig für die Kantine und für den Werkstattbereich Küche sind zehn Jugendliche zusammen mit einem Koch und einer Hauswirtschafterin. Sie liefern jeden Tag für alle das Frühstück und das Mittagessen, und sie machen auch Catering als Außer-Haus-Service, um damit für ihre Werkstatt richtiges Geld verdienen zu können. Auch aus benachbarten Betrieben kommen einige Mitarbeiter, um hier zu Mittag zu essen. Wir sind, wohlgemerkt, in einer Schule: der Produktionsschule im Hamburger Stadtteil Altona. Die Produktionsschule, die einzige ihrer Art in Deutschland, ist eine ganz andere Schule. Lernen heißt hier vor allem: In der Schulgemeinschaft einer multikulturell-bunten Stadtteilschule gemeinsam arbeiten und etwas Sinnvolles produzieren - für Kunden und nicht für den Papierkorb oder die Lehrer oder für den Notendurchschnitt. Beim Cappuccino kommen wir ins Gespräch. Zum Beispiel mit Serkan (17). Der türkischstämmige Jugendliche ist einer, der sich mit seiner Schule identifiziert. Er sagt: "Das ist meine Schule, und es macht mir Spaß, hier zu arbeiten, es macht mir Spaß mit Holz zu arbeiten und etwas zusammenzubauen." Serkan arbeitet in der Tischlerei, die wie ein geräumiger Handwerksbetrieb ausgestattet ist - und nicht wie eine Schule. Hier begleiten zwei Tischler zehn Jugendliche. Serkan hatte heute einen Termin außerhalb, im Postmuseum, wo gerade eine Ausstellung für Kinder zu Ende gegangen ist. Serkan half beim Abbauen. Die Produktionsschule hatte den Auftrag, Holzpodeste für die Ausstellungsstücke zu tischlern und zur Verfügung zu stellen. Serkan, der Junge aus Altona, will in der Produktionsschule seinen Hauptschulabschluss machen und danach eine Lehre als Tischler beginnen. Er ist vorher in eine Gesamtschule gegangen und dort gescheitert - oder, je nach Sichtweise: Die Schule hat versagt. Jedenfalls hatten sie die Nase voll von ihm und er von der Schule, man legte ihm nahe, sich eine neue Schule zu suchen. Schließlich stellte er sich in der Produktionsschule vor - und dann ist das kleine Schulwunder in Altona geschehen. In der Produktionsschule ist das keine Seltenheit: Schüler, die als schwierig gelten, bekommen hier eine zweite Chance. Und sie nutzen sie. Wie Serkan. Er war von Anfang an begeistert. Jeden morgen, pünktlich um acht Uhr, kommt er mit dem Blaumann in die Schule. Ohne Zweifel, wie er so in der Kantine sitzt: Serkan macht einen zufriedenen und motivierten Eindruck. Thomas Johanssen (53), der Schulleiter, spricht von seiner Vergangenheit als Berufsschullehrer und davon, dass die "Hauptschule am Ende" sei. Das herkömmliche schulische System der Berufsvorbereitung hält er, gelinde gesagt, für fragwürdig, wenn nicht gescheitert: das Lernen im Stundentakt, die Zerstückelung der Fächer, mit zu vielen Bezugspersonen für die Schüler, mit Werkstattarbeiten ohne Gebrauchswert. "Dauernd wechseln die Fächer, dauernd bekommen die Schüler irgendwelche Zettel in die Hand gedrückt - das hat nichts mit dem Leben zu tun." Schon in den 80er Jahren wurde Johanssen klar, dass es sinnlos ist, ständig gegen die Abwehr von Schülern abzuarbeiten, gegen ihre Abwesenheit anzugehen und die hohen Abbrecherquoten zu beklagen. "Das ist für alle Beteiligten frustrierend", sagt er. Im Jahre 1989 besuchte Johanssen zum ersten Mal eine Produktionsschule in Dänemark. Im nördlichen Nachbarland gibt es über 100 solcher Schulen, die Idee ist dort fest verankert. Das Modell hat Johanssen auf Anhieb überzeugt, und seitdem hat er mit verschiedenen Unterstützen daran gearbeitet, dass es auch in Hamburg Wirklichkeit werden kann. "Eigentlich bräuchte jeder Stadtteil eine Produktionsschule", sagt er - aber er ist froh, dass es wenigstens eine gibt. Nach der Bürgerschaftswahl im Jahre 1997 machte die grün-alternative GAL die Schule zu einem Knackpunkt der Verhandlungen mit der SPD - und setzte sich damit durch. Seit dem 1. August 1999 besuchen 40 Jugendliche, davon ein Drittel Mädchen, die Schule. Sie hat damit ihre Sollstärke schon erreicht und schiebt eine lange Warteliste vor sich her. Bei den Jugendlichen in Altona und darüber hinaus hat sich das Modell herumgesprochen; viele haben von Freunden gehört, dass es in der Produktionsschule "cool" ist. Immer mehr Anfragen bekommt die Schule von Jugendlichen, die schon einen Abschluss haben, obwohl die Schule laut Vorgabe des Hamburger Senats eigentlich für berufsschulpflichtige Jugendliche reserviert sein soll, "die die bestehenden Bildungsangebote nicht annehmen und ihren Hauptschulabschluss nachholen". Im September 1998 hatte die Schule ihren Betrieb aufgenommen, mit zunächst sieben Schülern. Serkan war einer dieser Sieben, und er legte beim Ausbau kräftige Hand an. Die Schule fand ihr Domizil in einem Gewerbekomplex. Das zweistöckige, flache Gebäude beherbergte früher ein Rüstungsunternehmen. Johanssen führt durch das Gebäude. Die Atmosphäre ist entspannt und freundlich. Neben der Tischlerei und der Küche gibt es noch zwei weitere Arbeitsbereiche mit je einem eigenen großen Raum: die "Werkstatt-EDV" und die "Werkstatt Medien". Die Schüler, die sich für EDV entschieden haben, machen gerade die ersten Schritte im Internet. Sie wollen, zusammen mit einem Jugendgästehaus in der Nachbarschaft, Hamburg-Reisen für Jugendliche aus Dänemark organisieren, die dort selbst eine Produtkionsschule besuchen. Die Mediengruppe geht nicht nur alle drei Wochen im offenen Kanal auf Sendung, sondern bekommt auch Aufträge wie den, einen Videoclip für einen Musiker zu drehen. Für ihre Arbeit bekommen die Schüler einen Lohn von 300 Mark im Monat. Auch das ist, zusammen mit der zufrieden stellenden Arbeit und der Überschaubarkeit der Schule (Johanssen: "Ich kenne jeden Schüler persönlich"), ein Baustein zur Zufriedenheit der Kinder. Sie sind ein Abbild der Bevölkerung in Altona, etwa die Hälfte ist ausländischer Herkunft. "Daraus ergeben sich keine Probleme", sagt Johanssen. Auch Vandalismus ist selten. Einmal hat einer eine Tür eingetreten - "du zahlst", hieß es dann, und der Abzug vom Schülergeld wurde akzeptiert. Die Produktionsschule ist eine Ganztagsschule von acht bis zehn Uhr findet an vier Tagen in der Woche in kleinen Gruppen Unterricht in Deutsch, Mathematik und einem praktischen Fach statt. Danach wie beim Mittagessen ist die Teilnahme verpflichtend gibt es Frühstück. Die Arbeit in den Werkstätten endet um 15 Uhr, und das ist auch der Schulabschluss. Die Geldmittel sind knapp. Die Schule wird vom Senat finanziert, und dazu kommen noch 200 000 Mark, die die Zeit-Stiftung für die Medien-Werkstatt gibt. Daraus ergibt sich der - heilsame - Zwang, auf dem Markt erfolgreich zu sein. Deshalb müssen sich der zweite Tischler und der Koch selbst finanzieren. Rechtsform der Schule ist eine GmbH mit gemeinnütziger Zweckbindung; Johanssen ist Geschäftsführer. In den Werkstätten haben die Praktiker das Wort, die mit den Jugendlichen im Team zusammen arbeiten: der Medienpädagoge, die Grafikerin, die Tischler, der Koch. Die Biographien der Ausbildung sind, wie die der Schüler, nicht immer geradlinig. Einer der Tischler ist eigentlich Sozialpädagoge, der dann Elektriker gelernt hat. Es gibt nur zwei echte Lehrer - Johanssen und sein Kollege Kay Stöck - , die den Unterricht machen. Der Leiter der EDV-Werkstatt ist ehemaliger Grundschullehrer, aber das ist eher Zufall. Johanssen geht zufrieden durch die Werkstätten, und mit einem Anflug von Selbstironie antwortet er auf die Frage, warum so wenige Lehrer in dieser Schule arbeiten: "Um Gottes willen, bloß nicht noch mehr Lehrer!" DruckversionZurück zur Übersicht Hinz & Kunzt, Heft 7/2000 Voll bei der SacheIn der Produktionsschule lernen Jugendliche beim ArbeitenEin neues bundesweit einmaliges Modell in Altona ermöglicht es Jugendlichen, die von Schule längst die Schnauze voll hatten, doch noch einen Abschluss zu machen. In der "Kooperativen Produktionsschule" lernen sie dabei noch eine ganze Menge mehr. Aus dem Getto-Blaster schallt griechische Musik. Ansonsten ist es absolut still. Sorgfältig entfernt Babis mit einem Schraubenzieher den alten Leim von der Platte des Billardtisches, während Serkan hoch konzentriert die Gebrauchsanweisung der Spachtelmasse studiert und sie vorschriftsmäßig anrührt. Hüseyin sucht derweil schon mal nach dem passenden Werkzeug. Das ist Schulalltag - jedenfalls an der Produktionsschule Altona. Seit anderthalb Jahren werden hier gut 40 Jugendliche zwischen 16 und 21 unterrichtet. Kaum einer von ihnen hat an der regulären Schule seinen Abschluss geschafft. Über Einzelheiten reden sie nicht so gerne, murmeln nur irgendwas von "Ärger mit den Lehrern","mit den anderen nicht klar gekommen" oder "überall durchgefallen". Wie Melania haben einige wahre Odyssen durch die Schullandschaft hinter sich gebracht, bevor sie schließlich in den unauffälligen Gewerberäumen in Bahrenfeld gelandet sind. Dort wird Schule quasi vom Kopf auf die Füße gestellt: Statt in Klassenzimmern verbringen die Jugendlichen den Großteil ihrer Zeit in einer der Werkstätten. Sie haben die Wahl zwischen den Bereichen Innenausbau, EDV, Medien und Küche/Kantine. Dort lernen sie nicht nur handwerkliche Fähigkeiten wie Spachteln, Sägen oder Schleifen: "Alles was hier produziert wird, ist für den Markt bestimmt. Wir arbeiten mit echten Aufträgen unter realen Bedingungen und zu üblichen Preisen", erklärt Direktor Tom Johanssen. Dazu gehören auch Möbel für die eigenen Schulräume. Das trägt nicht nur zur Finanzierung des Projekts bei, sondern vor allem zur Motivation der Schülerinnen und Schüler. Die fühlen sich eben nicht in irgendeine Lehrwerkstatt abgeschoben, wo sie Dinge herstellen, die keiner braucht. So bauen sie um Beispiel auch eine Ausstellung in den Deichtorhallen auf. Dabei ergeben sich Kontakte zu Firmen, und die Jugendlichen bekommen Resonanz: Gute Arbeit wird gelobt, Unpünktlichkeit und Schlamperei kritisiert. Und zwar nicht von irgendwelchen Lehrern, sondern von den Auftraggebern - und erstaunlich oft auch von den Mitschülern im jeweiligen Team, "Könnt ihr mal die Schnauze halten!" zischt Melania zwei Jungs in der Medien-Werkstatt an, "ich übersetze hier gerade was." Die drei arbeiten an einem Video für einen Musiker, und der will übermorgen einen Rohschnitt sehen. Auf so unpädagogische Art erledigen sich viele Disziplinprobleme, über die Lehrer an "normalen" Schulen zunehmend klagen. Konsequenterweise sind die Pädagogen im siebenköpfigen Team der PSA auch in der Minderheit: Die vier Werkstätten werden von erfahrenen Praktikern aus dem jeweiligen Bereich geleitet. Die Schüler respektieren sie auf Grund ihrer Fähigkeiten und Erfahrungen - und weil sie sich von ihnen respektiert fühlen. "Hier haben sie endlich meine Fähigkeiten erkannt", sagt Uwe. So einfach lässt sich das in Deutschland bisher einmalige Konzept zusammenfassen, das in Dänemark seit Jahren erfolgreich umgesetzt wird. Sogar den normalen Unterricht, an dem Uwe an seiner früheren Schule fast verzweifelt ist, findet er hier "ganz okay". Allerdings ist der auch auf ein Mindestmaß reduziert: Drei Mal die Woche von 8 bis 10 Uhr werden Deutsch, Mathe und Englisch gelernt, ein vierter Morgen ist für einen so genannten "Neigungskurs" aus dem künstlerischen oder musischen Bereich reserviert. Gelernt wird in überschaubaren Gruppen von höchstens 15 Schülern und möglichst immer anhand konkreter Probleme und Situationen, die sich bei der Arbeit in den Werkstätten ergeben haben. So können sogar Uwe, Hüseyin und die anderen, die früher an Sozialkunde oder Geographie schier verzweifelt sind, den Sinn von Unterricht einsehen und haben Chancen, nach spätestens zwei Jahren die Prüfungen für ihren Hauptschulabschluss zu bestehen. Jedenfalls meistens. "Natürlich haben wir auch immer wieder damit zu kämpfen, dass unsere Leute einfach nicht auftauchen oder unpünktlich sind", gibt Lehrer Kay Stöck unumwunden zu. "Aber wenn sie hier sind, dann sind sie voll bei der Sache." Und wenn sie nicht auftauchen, müssen sie zahlen: Für jeden Fehltag wird ihnen ein kleiner Betrag von den 300 Mark Schülergeld abgezogen, die jedem pro Monat zustehen. Die Methode wirkt, aber sie ist kein Allheilmittel - vor allem, wenn sich sonst, wie bei vielen hier, keiner darum kümmert, was die Jugendlichen den Tag über treiben. Um so wichtiger ist es, dass in der Schule verbindliche, aber verständliche Strukturen herrschen: kleine Gruppen, feste, immer gleiche Arbeitszeiten, Bürotüren, die fast immer offen stehen, und Erwachsene, die jeden Schüler persönlich kennen und jederzeit ansprechbar sind. Dazu gehören auch das tägliche gemeinsame Frühstück und Mittagessen, die von der Kantinengruppe zubereitet werden. Souverän hantiert Esen an der Cappuccino-Maschine, während Christina und Marlena mit der Hauswirtschafterin besprechen, was es später zu Mittag geben soll. Nils, einziger Mann in der Küchenwerkstatt, räumt mit routinierten Griffen die Spülmaschine aus. Über ein Jahr lang war er gar nicht zur Schule gegangen, war mehr oder minder "auf Trebe". Jetzt lebt er in einer Jugendwohnung, geht regelmäßig zur Schule, ist eine Stütze der Kantine und sagt, dass ihm der Unterricht "Spaß macht". Die Gelassenheit, mit der er in der Küche arbeitet, herrscht auch in den anderen Räumen. Vielleicht ist das das Auffälligste an dieser Schule: ein Lärmpegel, der überall deutlich unter dem üblichen Niveau bundesdeutscher Klassenzimmer liegt - obwohl hier die sogenannten "Problemschüler" versammelt sind. Selbst wenn die Jugendlichen sich über den anderen lustig machen, sich auch mal gegenseitig die Meinung sagen, ist nichts zu spüren von der Aggressivität, die anderswo in der Luft liegt - obwohl hier Schüler mit unterschiedlichstem kulturellen und sozialen Hintergrund aufeinander treffen. Die drei Jungs arbeiten immer noch an dem Billardtisch, den sie demnächst im Pausenraum aufstellen wollen. Je länger man ihnen zusieht, um so mehr fragt man sich, warum Schule anderswo eigentlich so stressig sein muss. DruckversionZurück zur Übersicht taz Hamburg, 15.10.1999 Von Schülern, die Mitarbeiter sindLernlokale und mittags ein Drei-Gänge-Menü: Produktionsschule Altona gibt SchülernStartvorteile. Ikea ist zwar billiger, aber das macht nichts. So ist das Leben. Von Sandra Wilsdorf Ikea kostet Prinzipen: Weil das Möbelhaus billiger ist als Selbermachen, wirft Joachim Böcker heute Grundlagen über den Haufen. Statt zu hobeln, zu sägen, zu schleifen und zu bauen, fahren seine Jungs zu Ikea und kaufen Tische: "Die kosten da 160 Mark. Wenn wir sie selbermachen, kostet allein das Material 350 Mark", sagt der Werkstattleiter und Lehrer. Das ist für eine Tischlerei ruinös. Aber: "Die Schüler sollen gleich mit den realen Bedingungen des Marktes konfrontiert werden", sagt Böcker. Denn die Produktionsschule Altona will kein verträumtes Wolkenkuckucksheim sein, sondern sich am Markt orientieren. Hier, in der Leverkusenstraße 13 beim Diebsteich, arbeiten und lernen seit September 40 Jugendliche in vier Werkstätten: Tischlerei, Küche, EDV, Medien. Außerdem gibt es Unterricht, Schwerpunkte sind Mathe, Deutsch, Englisch. Für ein Jahr oder zwei kommen die Schülerinnen hierher, 35,5 Stunden bei 30 Tagen Urlaub. "Wir orientieren uns an der realen Arbeitswelt", sagt Schulleiter Thomas Johanssen, der die Idee einer Produktionsschule in Hamburg zehn Jahre verfolgt hat. In Dänemark sei diese Schulform sehr verbreitet. "Es geht um die Einheit von Lernen und Arbeiten", sagt er. "Schülern lernen kundenorientiert und verbindlich zu arbeiten. So verschaffen wir ihnen Startvorteile." Vorteile für Jugendliche, deren schulische Leistungen eher Nachteile sind. Am Ende soll für jeden mindestens der Hauptschulabschluß stehen, "und dass sie wissen, was sie später machen sollen." Fatma weiß das schon: "Ich möchte später gerne mal in der Küche arbeiten." Das macht sie in der Produktionsschule auch, das gefällt ihr. "Ich habe die Hauptschule abgebrochen. Da waren so viele Leute, ich habe mich nicht getraut", sagt Fatma, die vor fünf Jahren von Albanien nach Deutschland kam. Hier traut sie sich: "Die Leute sind nett", sagt sie und nimmt eine Auflaufform aus dem Ofen: Indischer Fischauflauf. Den gibt es heute mit Bratkatoffeln, Gurkensalat und zum Nachtisch Apfelgelee mit Zimtsahne. Jeden Tag bereit das Team zwei Mahlzeiten. Morgens ein Frühstück, mittags ein Menü. "Ich finde es schön, mit Freunden zu frühstücken und dabei zu reden", sagt Sema. "Überhaupt ist die Schule hier so gemütlich, und alle sind freundlich." Sie will den Hauptschulabschluß machen. Jetzt macht sie erst mal Bratkatoffeln. Zweimal am Tag kommen alle im Gemeinschaftsraum zusammen. Lange - selbstgebaute - Birkenholztische, Wände in ocker, riesige Bilder mit viel Orange, Rot, Gelb an den Wänden, Pflanzen, warmes Licht und ein Tresen mit einer roten Cappuccino-Maschine. Den Raum haben Schülerinnen mitgestaltet. Und wer ihn schön findet, kann ihn mieten. Eine Schülerin sitzt vor Taschenrechner und Kochbuch: "Ich rechne Antipasti-Rezepte auf 70 Personen um." Am Wochenende will jemand hier Geburtstag feiern und hat ein Buffet bestellt. "Bei uns essen auch Leute, die in der Gegend arbeiten", Johanssen. Arbeiten am Markt. Darüber diskutieren in einem Klassenraum gerade zwei Lehrer. "Wie können wir mit der EDV-Werstatt Geld verdienen? Wie schaffen wir Pädagogisierung und Marktorientierung?", fragt einer. Allerdings auch nicht zu viel. "Die Handelskammer hat verboten, dem ersten Arbeitsmarkt Konkurrenz zu machen", sagt Johanssen. Trotzdem: erstmal machen. Ein Reisebüro wollen die Schüler aufbauen. "Mit Programmen für Jugendgruppen aus Dänemark", sagt Johanssen. Da sieht er eine Marktlücke. Klassen heißen hier nichts Klasen, sondern "Lernlokale". Orange, gelb, blau: Jeder Raum anders, jeder Stuhl auch. Denn auch jeder Schüler ist anders. "Die haben sehr unterschiedliche Niveaus", sagt Johanssen. Da ist beispielsweise Filiz. "Ich mache eine Ausbildung oder mein Abitur", sagt sie selbstbewußt. Jetzt ist sie gerade in der EDV-Werkstatt und gibt Abrechnungen für die Schüler ein. Jeder bekommt pro Monat 300 Mark, Fehltage werden abgezogen und fürs Mittag 1,50 Mark pro Tag. "Ich habe meinen Realabschluß. Aber aus der Höheren Handelsschule bin ich rausgeflogen." Auch nach 60 Bewerbungen hatte sie noch keinen Ausbildungsplatz. "Aber hier ist es super, ich lerne ganz viel", sagt sie. Und dann ist da Norman "Ich war auf einer Haupt- und Realschule. Dann war ich ein halbes Jahr krank, danach bin ich nicht mehr mitgekommen." Jetzt ist er in der Medien-Werkstatt. Er und Pierre arbeiten an einem "Blue Screen". "Als Hintergrund für eine Szene." Die Werkstatt dokumentiert die Arbeit von Künstlern, die Wandbilder malen. "Kameramann oder Cutter, das wäre schon was", sagt Pierre. Er war schon mal im Fernsehen, "eine kleine Rolle bei RTL." Norman zeigt den Trailer für die Produktionsschule, den Schülerinnen gedreht haben: Hafen, Hamburg, Schuhe, die zur Produktionsschule laufen. Angekommen . "In der alten Schule hatte ich Probleme, hier ist es harmonisch", sagt er. Alle arbeiten an unterschiedlichen Projekten, nicht zum Selbstzweck, sondern weil andere es nachfagen. "Als nächstes produzieren wir eine Broschüre für eine Anwaltskanzlei", sagt Norman stolz. Aufträge gibt es genug. Deshalb auch Ikea-Tische "Wir haben so viele Aufträge, mit denen wir Geld verdienen, dass wir mit unserer Zeit knallhart kalkulieren", sagt Joachim Böcker. Als Tischlerei gewinnt man gegen Ikea nicht mit Preisen, sondern mit Flexibilität und pfiffigen Ideen. Gerade haben die Schülerinnen eine Austellung in den Deichtorhallen aufgebaut. "Und die Akademie der Künste wollte in eineinhalb Wochen 12 Podeste. Haben wir gemacht." Arbeit am Markt. Das bringt neben Geld auch Konkurrenz. "Wir diskutieren gerade, ob das Geld in einen Topf soll, oder ob jede Werkstatt es behalten kann." Die Tischler wollen es behalten, die verdienen am meisten. Möglicherweise soll eine zusätzliche Lehrkraft aus eigenen Mitteln bezahlt werden. "Überhaupt müssen wir über die Finanzierung nachdenken", sagt Johanssen. Die Stadt zahlt für das Projekt 800.000 Mark im Jahr. Das reicht für drei Werkstätten. Die vierte bezahlt die Produktionsschule aus Spenden der ZEIT-Stiftung. Aber das läuft in eineinhalb Jahren aus. Aber daran denken Schüler jetzt noch nicht. Die wissen nur, dass Schule gut sein kann. "Die Schule macht mehr Spaß, weil wir hier nicht Schüler, sondern Mitarbeiter sind", sagt Norman. DruckversionZurück zur Übersicht Hamburger Rundschau, 26.09.1999 Praxisnahe BerufsvorbereitungDänisches Schulprojekt öffnete in Hamburg-Altona seine PforteVon Lara Martens Unscheinbar wirkt das Gebäude in einem Hinterhof der Leverkusenstraße in Altona auf den ersten Blick. Doch kaum betritt man die Räume der Kooperativen Produktionsschule Altona (PSA), ist man Zeuge eines neuen Schulprojekts in Deutschland, 40 Schüler und sieben Lehrer sind hier in vier verschiedenen Werkstätten tätig. Zur Auswahl stehen die Tischlerei, der EDV-Bereich, die Medienwerkstatt und die Kantine. Für letzteres hat sich Christina Czaja entschieden: "Der hauswirtschaftliche Bereich in der Kantine gefällt mir am besten, ich koche gern, und zusätzlich kann ich meinen Realabschluss nachholen." Den hatte die 17jährige nämlich auf der "normalen" Schule nicht geschafft. Wie durch ein Wunder sind die Schüler, die zuvor an den üblichen Schultypen scheiterten, plötzlich engagiert und motiviert. Ein Schüler aus der Medienwerkstatt bleibt sogar bis 18 Uhr - der offizielle Schultag geht von acht Uhr morgens bis drei Uhr nachmittags. "Er ist einfach nicht mehr von hier wegzukriegen", freut sich Thomas Johanssen. Der Leiter des in Dänemark entstandenen Projekts ist stolz auf seine "Mitarbeiter", wie er die Schüler gern nennt: "Sie lernen hier selbständig zu arbeiten und sich selbst zu organisieren." Die Werkstattarbeit dient als Berufsvorbereitung: Hier lernen die Schüler, praktisch in einem Berufsweg zu arbeiten, in dem sie nach bestandener Prüfung eine Lehre machen wollen. In der EDV-Werkstatt ist man gerade dabei, ein Jugendreisebüro aufzubauen. Durch die Arbeit in der Reisebranche sollen Schüler lernen, mit Kunden umzugehen, Kontakte aufzubauen und zu pflegen. Hinter den Computern der EDV-Werkstatt hört man das laute Rumoren von Kreissägen, treppabwärts wird die Luft staubig von den herumfliegenden Holzspänen: Hier im Keller liegt die Tischlerei, wo gerade Bänke für einen Schulchor geschreinert werden. Die meisten Aufträge, so der Werkstattleiter, Joachim Böcker, kommen Firmen aus dem näheren Umkreis: "Kürzlich haben wir für die GAL Bilderleisten hergestellt." Praxisnah ist auch die Herstellung der Waren, wie Schulleiter Johanssen betont: "Alles, was wir herstellen, ist marktfähig und wird auch zu Marktpreisen angeboten." Johanssen ist zufrieden mit seinem Projekt, der lange Behördenweg hat sich gelohnt. Zehn Jahre dauerte es, bis das 1989 vorgestellte Konzept der Produktionsschule die Behörde passierte. Erst am 10. September diesen Jahres konnte die PSA in Anwesenheit von Schulsenatorin Rosemarie Raab offiziell eröffnet werden. "Erst waren es nur sieben Schüler an der Schule", erklärt Thomas Johanssen. "Ihr handwerkliches Talent konnten sie schon beim Aufbau des Schulgebäude beweisen, wo sie eine wichtige Hilfe waren. Von Anfang an wurden die Schüler in das Projekt einbezogen. Und, das wichtigste, sie sind stolz auf ihr Werk." Ein weiterer Anreiz ist wohl auch das Schülergeld von 300 DM, das den Schülern monatlich überwiesen wird, doch wer sich nicht an die Regeln hält, kann auch von der Schule verwiesen werden. Voraussetzung für die Aufnahme an der PSA ist es, mindestens, neun Jahre eine Schule besucht zu haben, wobei ein Abschluss nicht erforderlich ist. Schließlich haben die Schüler an der PSA die Chance, in zwei Jahren den Haupt- oder Realschulbschluss nachzuholen. Gearbeitet und gelernt wird dabei selbständig, je nach Leistungsstand. Geprüft wird erst dann, wenn der einzelne dazu bereit ist. Zum Abschluss erhält jeder Schüler eine Bescheinigung über das, was er im Laufe der Zeit getan hat. DruckversionZurück zur Übersicht Hamburger Abendblatt, 10.09.1999 Produktionsschule - die zweite Chance
Bildungspolitisches Renommierprojekt von Senatorin Raab eröffnet Hamburger Morgenpost, 10.09.1999 Altona schreibt SchulgeschichteTheorie & Praxis unter einem Dach, und die Schüler machen sogar UmsatzIn einem unscheinbaren Hinterhof an der Altonaer Leverkusenstraße ist pädagogisches Neuland zu endecken. Senatorin Rosemarie Raab (SPD) weihte dort gestern die erste "Produktionsschule" Deutschlands ein. Eine Schule, in der nicht nur Gleichungen gelöst und Vokabeln gelernt, sondern auch Möbel getischlert und Computerprogramme entwickelt werden. Ziel ist die Verbindung von Theorie und Praxis - für junge Menschen, die an herkömmlichen Schulen gescheitert sind. In Altona sollen sie Abschlüsse nachholen und sich gleichzeitig auf eine Lehre vorbereiten. 37 Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren aus 18 Nationen wurden bereits aufgenommen. Sie sitzen an Tischen, die sie selbst hergestellt haben; das Frühstück bereitet die "Kantinengruppe" zu. Der Schultag beginnt um 8 Uhr und endet - wie ein normaler Arbeitstag - um 15 Uhr. Und wie bei einem richtigen Job verdienen die Schüler auch etwas: 300 Mark monatlich. Das Geld soll durch Aufträge von Kunden wieder hereinkommen. Die Tischlerei hat schon einige, in der Medienwerkstatt wurde bereits angefragt, ob die Schüler einen Video-Clip drehen können. Für die GAL "erfüllt sich mit der Produktionsschule ein Traum", sagte deren schulpolitische Sprecherin Christa Goetsch. Die Grünen hatten das Projekt nach langem Tauziehen 1997 im Koalitionsvertrag verankert. In Dänemark ist dieser Traum schon längst Wirklichkeit: Dort gibt es bereits 100 Produktionsschulen. (jb) DruckversionZurück zur Übersicht Frankfurter Rundschau, 09.09.1999 Felicitas kennt trotz alledem noch TräumeDie zweite Chance: In Hamburg wird die erste Produktionsschule offiziell eröffnetVon Otto Herz HAMBURG. Sie hat derzeit 37 Schülerinnen und Schüler. Mehrheitlich zwischen 15 und 20 Jahren. Sie kommen aus 18 Nationen. Die meisten wohnen im Stadtteil Altona. Über 40 Schüler sollen es nicht werden. Sie ist damit wahrscheinlich die kleinste und sicher auch eine der ungewöhnlichsten Schulen der Republik. Ihr Markenzeichen PSA. PSA steht für Kooperative Produktionsschule Altona. Seit einem Jahr hat sie sich auf den Weg gemacht. Am 10. September 1999 wird sie von Senatorin Rosemarie Raab mit der Bildungspolitischen Sprecherin der GAL, Christa Goetsch, offiziell eröffnet. Sie ist wohl in ihrer Art die bisher einzige Produktionsschule in Deutschland. Die Schule beginnt um 8.00 Uhr. Zwei Stunden später treffen sich die Schülerinnen und Schüler und die derzeit 7 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Speisesaal. Sie sitzen an hellen Holztischen, die in der eigenen Tischlerei selbst hergestellt wurden. Das Frühstück haben die Schülerinnen und Schüler bereitet, die zur Gruppe "Küche/Kantine" gehören. Wie bei einem normalen Arbeitstag endet dieser am Nachmittag um ca. 15.00 Uhr. Schulleiter Tom Johanssen (53 Jahre), Berufsschullehrer, kann heute Ilija Ilicic vor der versammelten Schulgemeinde zum 16. Geburtstag gratulieren. Soviel persönliche, öffentlich anerkennende Aufmerksamkeit kannte Ilija bisher nicht. Obwohl nicht viel Aufhebens um den Geburtstag gemacht wird, seine Hervorhebung ist ein Signal: Das Individuum zählt. Ilija wohnt noch bei seinen Eltern. Sie kamen einst aus Jugoslawien. Er ist schon in Hamburg geboren. Er ist einer der Inländer, die sich gezwungen sehen, Ausländer zu bleiben. Belastete Existenz zwischen den Kulturen. Tendenz: heimatlos. Ilijas Schulgeschichte ähnelt der der meisten hier. Die Grundschulzeit wird als noch einigermaßen gut erinnert. Dann beginnt der Abstieg in die verbreitete Karriere des Scheiterns, der Unzufriedenheit, des Empfindens von Ausweglosigkeit. Hier hat jede Schülerin, jeder Schüler ihre und seine Spezialgeschichte. Aber es gibt auch immer Wiederkehrendes. Nach der Grundschulzeit verstehen viele Lehrerinnen und Lehrer immer weniger von den Lebensproblemen der Kinder, die sich zu Jugendlichen aufmopsen. Häufig wollen sie wenig von dem wissen, womit sich die Jugendlichen rumzuschlagen haben. Nicht aus Gleichgültigkeit, nicht aus Desinteresse, schon gar nicht aus Bösartigkeit. Meist aus persönlicher und - aus dem Schulverständnis heraus - institutioneller Überforderung. Fächer werden unterrichtet, nicht Menschen. Wer mitkommt, kommt mit. Wer nicht mitkommt, muss sehen wo er oder sie bleiben. So wird aus Unverständnis und Konkurrenz Krampf und Kampf. Kampf manchmal "bis aufs Messer". Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Schule wird mehr und mehr gemieden. "Absentismus" heißt das in der klinisch reinen Sprache der Wissenschaft. Ein Tabuthema vor allem in Großstädten. Folgt dann die Jugendkriminalität, regt sich die Gesellschaft auf, die für diese Jugendlichen keinen Ort zu haben scheint. Nennen wir eine Biographie Felicitas. Felicitas sagt von sich: "Mich gibt es nur einmal. Ich bin laut, vor-laut, frech. Ich will immer das letzte Wort haben. Da, wo ich wohne, sagen sie Worte zu mir, die ich jetzt nicht sagen will." Ich frage nach. "Schlampe, Nutte, Flitsche. Aber so bin ich nicht. Ich bin aber so, wie mich manche hier nennen: Eheberaterin. Ich kümmere mich um die Probleme anderer. Und dann habe ich die Probleme plötzlich selbst." Felicitas ist 1,53 groß. Das hat zu ihrem Ulknamen "Einsdreiundfünfzig" geführt. Sie hat fünf Geschwister von unterschiedlichen Vätern. Ein Bruder ist geistig behindert. Sie mag ihren Bruder. Sie nimmt ihn mit, wohin es geht. Ablehnung, die sie dabei erfährt, tut ihr weh. Ein anderer Bruder tauchte einmal mit blutüberströmtem Gesicht zu Hause auf. Bei einer Prügelei war ihm das Gesicht zertreten worden. Eine Schwester hatte Magenkrebs. Der Magen musste aus dem jungen Körper genommen werden. Die Schwester wurde schwanger. Als die Wehen eintraten, waren die Schmerzen derart, das Felicitas beschloss, aus Angst vor solchen Schmerzen keine Kinder bekommen zu wollen. Zwei ihrer Cousins sind im Alter von einem und drei Jahren verbrannt. Wahrscheinlich haben sie mit Streichhölzern gespielt. Und dann passierte es. Ihre Mutter findet sie o.k. Die Mutter hält zu ihr. Sie sagt: "Du kannst hier bei mir wohnen, bis du ganz sicher auf eigenen Beinen stehen kannst." Von unsicheren 630-DM-Jobs lässt sich allerdings schwer auskommen. Froh ist Felicitas, dass ihr Vater wieder zur Arbeit gehen kann. Vor zwei Jahren hatte er sich bei einem Arbeitsunfall beide Füße gebrochen. Das war für ihn und alle anderen eine schwere Zeit zu Hause. Was werden soll? Das weiß Felicitas (noch) nicht. Vielleicht eine Lehre in einer Küche? Vielleicht eine Karriere als Sängerin? Immerhin: Felicitas hat Zuversicht. Felicitas kennt (noch) Träume... Wie wird ein junger Mensch mit solch einem Hiob-Leben fertig? Was helfen die auf Parteitagen und von Wissenschaftlern vermehrt gepredigten Sätze, die abstrakt ja nicht falsch sind, dass sich die Eltern vor allem um ihre Kinder wieder mehr kümmern müssten? Was helfen diese Postulate, wenn vielleicht die Jugendlichen den Eltern, den oft wirklich allein stehenden, mehr Ermutigung zukommen lassen können als diese ihren Kinder wirkliche Hilfe? Felicitas, die viele Namen tragen könnte, hat mit ihren 16 Jahren schon Dramatischeres erlebt als ganze Lehrerkollegien zusammen. Wer soll da wen "aufs Leben vorbereiten"? Zweite Chance In allen internationalen Gutachten - sei es das "Weißbuch zur allgemeinen und beruflichen Bildung" der Europäischen Kommission, sei es "Education und Training" der OECD, sei es der UNESCO-Bericht zur Bildung für das 21.Jahrhundert "Lernfähigkeit: Unser verborgener Reichtum" - wird heute für Jugendliche, die auf ihrem ersten Schulweg an der Schule gescheitert sind, eine zweite Chance gefordert. Eine solche zweite Chance ist die PSA. Manche ihrer Schülerinnen und Schüler meinen: Die PSA ist unsere letzte Chance. Obwohl vor allem Chance für die Schülerinnen und Schüler, entstanden ist die PSA eher auf der Suche aus dem Berufsfrust von Berufsschullehrerinnen und lehrern. Die Kunde von Produktionsschulen war auf "Pilgerfahrten" nach Dänemark schon in den siebziger Jahren nach Hamburg gedrungen. Aber erst 1997, als sich die SPD mit der GAL auf einen Koalitionsvertrag einigen musste, gelang für eine GEW-gestützte Initiativgruppe der Durchbruch gegenüber mehr als zehnjährigen Wiederständen aus den unterschiedlichsten Ecken. Die positive Haltung eines SPD-Bezirksbürgermeisters, der Wille der GAL, in einem Multi-Kulti-Stadtteil wie Altona ein Zeichen setzen zu wollen, die Durchhaltekraft der Initiativgruppe, die objektive Not vieler Jugendlichen, sie führten nun endlich zur Gründung der gemeinnützigen GmbH, die kooperativ heißt, weil sie mehrere Träger hat und von der Behörde für Schule, Jugend und Berufsbildung, von der Stadtentwicklungsbehörde und von der Zeit-Stiftung vor allem finanziell gefördert wird. Im Zentrum Werkstätten Kern der PSA sind vier Werkstätten: die Tischlerei, die Küche/Kantine, EDV und Medien. Mit der Tischlerei hat es begonnen. Sie ist auch am besten ausgebaut. Sie übernahm Maschinen, die nach Betriebsschließungen zu haben waren. Das Merkmal aller Werkstätten ist es, dass dort professionell für Kunden am Markt gearbeitet werden soll. Von jedem nach seinen Möglichkeiten. Von Anfang an. Nicht erst nach mühevoller Vorlaufzeit des Trockenschwimmens. Das hat ja bei vielen Jugendlichen dazu geführt, dass sie anderswo ausgestiegen sind. Im Ernstfall zu arbeiten: das ist vielleicht der wichtigste Unterschied zu dem vielerorts ja nicht überwältigend erfolgreichen Berufsvorbereitungsjahr (BVJ). Der Ernstfall ist der Lehrmeister. Manche Erkenntnisse sind so alt, dass sie neu gesagt, vor allem angewandt werden müssen. Lernen im Ernstfall ist die Urkraft der Pädagogik, die bei den "Pädagogikgeschädigten" zur Wunderdroge werden kann. Ob ein Tisch fest und gerade steht und denen, die ihn haben wollen, gefällt, das sagt mehr als eine Note, die es in der PSA natürlich nicht gibt. Gespräche mit Einzelnen und Handlungsteams ersetzen sie. In ihnen wird ausgetauscht, was gelingt, was Schwierigkeiten bereitet, wo Unterstützung nötig ist, an welche schwierigen Herausforderungen man sich jetzt herantrauen will, welche Schwächen einfach auch akzeptiert werden. Denn es gibt nichts Frustrierenderes als immer wieder auf die gleichen Defizite hingewiesen zu werden. Was die Jugendlichen im Laufe der Zeit getan haben, soll ihnen beschreibend bescheinigt werden. Das ist ihre dokumentierte Chance, mit der sie auf dem ersten Arbeitsmarkt anschlussfähig werden sollen. Anschlussfähig zu werden für gewollte und entlohnte Erwerbsarbeit: das ist das wichtigste Ziel, das die PSA mit ihren Schülerinnen und Schülern - und vor allem diese selbst - erreichen wollen. Weil ein Hauptschulabschluss, vielleicht sogar der Realschulabschluss dafür erforderlich sein kann, wollen ihn viele auf der PSA nachholen. Wenn in der Tischlerei die Jugendlichen jetzt erst einmal dafür sorgen, dass die leer stehenden Räume, früher war hier einmal ein Rüstungsunternehmen, mit ansprechenden Möbeln ausgebaut werden, dann ist das zwar eine großartige Herausforderung, sie soll aber die Anfangsausnahme bleiben. Zukünftig soll die Arbeit "draußen" stattfinden, nicht ein Ersatz "drinnen". Kontinuierlich marktfähige Arbeit draußen zu leisten, das ist der entscheidende Unterschied zwischen einer Produktionsschule und einem Schul-Projekt. In Dänemark gibt es heute schon an die 100 Produktionsschulen und ein eigenes Produktionsschulgesetz. Respekt, Respekt, Respekt Warum sind die meisten Schülerinnen und Schüler von ihrer PSA so angetan? Sie erfahren hier neben nützlicher Arbeit noch etwas, woran es ihnen bisher mangelte: Respekt. Respekt vor ihrem Können, wie es auch sei; Respekt vor ihren Erfahrungen, wie sie auch waren; Respekt vor ihrem Wollen, das sie frei und willig hierherkommen lässt; Respekt vor ihrer Herkunft, die meist mehr Welt-Erfahrung einschließt als es sich traditionelle Pädagogen haben erwerben können; Respekt vor ihrer Anstrengungsbereitschaft, wenn diese auch nicht immer gleich gerade in der theoretischen Fächern, beim richtigen Schreiben und beim genauen Rechnen zum Erfolg führt; Respekt vor den unterschiedlichen Lebens-Verwirrungs-Läufen, deretwegen hier niemand auf Gleichförmigkeit im Arbeitsablauf, im Arbeitstempo, in den Arbeitsschwerpunkten getrimmt wird; Respekt auch insofern, als der, der im Kapitalismus arbeitet, auch entlohnt werden soll: in diesem Falle mit 300,- Schülergeld. Respekt also vor ihrer Person, deren Würde unantastbar ist. Bedingungsloser Respekt vor dem anderen in seiner Eigen-Art und in seinem Eigen-Sinn ist die Basisqualifikation aller pädagogischen Berufe. Ich finde es beglückend, auf einem nicht so leicht auffindbaren Hinterhof der bundesrepublikanischen Gesellschaft zu spüren, welche Kräfte und welch gute Atmosphäre sich freisetzen, wenn der Paragraph 1 des Grundgesetzes zum Alltags-Leben erwacht. Der Respekt, den die Erwachsenen den Schülerinnen und Schülern entgegenbringen, führt zu dem Respekt, den diese - durchaus anders gewohnt - auch untereinander zu pflegen beginnen. Wenn Sven G. sagt: "Wir sind hier eine große Familie", dann kann er damit schon deswegen kein Klischee bedienen, weil viele der Familien, die er bisher erfahren hat, so gar nicht sind, wie es die Redewendung verheißt. Svens Kopf spürt, was ihm sein Körpergefühl sagt. DruckversionZurück zur Übersicht Hamburger Abendblatt, 12.05.1999 Produktionsschule AltonaKreative HilfeJoachim Böcker, Tischler und Sozialarbeiter, wirft in dem Werkstatt-Raum die Formatkreissäge an. Gebannt schauen etwa zehn Schüler auf das Stück Holz, das zermalmt wird - praktischer Unterricht in der ersten Kooperativen Produktionsschule Hamburgs in Altona. Das Prinzip: 40 Jugendliche ohne Qualifikationen sollen dort ihren Hauptschulabschluß nachholen und gleichzeitig praktische berufliche Erfahrung in mehreren Werkstätten sammeln: in der Küche und der Kantine, in der Tischlerei, in einer Medienwerkstatt mit Computern. Das Modell einer Ganztagsschule stammt aus Dänemark und wird dort erfolgreich praktiziert. "Wir wollen die Jugendlichen darauf vorbereiten, daß sie später eine Lehrstelle finden", sagt Schulleiter Thomas Johanssen. Vier Lehrkräfte betreuen die bislang 20 Schüler von 8 bis 15 Uhr. Mathe, Deutsch und Englisch wird gelehrt. Produkte, die Schüler fertigen, sollen auf dem freien Markt angeboten werden. Ein Beispiel: Schüler bauten eine Küche in einem Aufnahmelager für Flüchtlinge um. Mit 200.000 Mark finanziert die ZEIT-Stiftung den Aufbau einer Medienwerkstatt in der Schule. "Wir wollen die Jugendlichen für eine kreative Ausbildung gewinnen", sagt Michael Göring, Vorstandsmitglied der ZEIT-Stiftung. "Man wird hier kreativ gefordert", lobt Schüler Daniel Welp (20). Manche entdecken ihren Traumberuf. "Ich will Tischler werden", weiß Ilija Ilicic (15). DruckversionZurück zur Übersicht Die Welt, 27.09.1995 Bezirksamtsleiter für Aufbau einer ProduktionsschuleDer Leiter des Bezirksamtes Altona, Hans-Peter Strenge, setzte sich gestern beim 3. Forum "Schule und Nachbarschaft" für den Aufbau einer Produktionsschule in seinem Stadtteil ein. "Wir wollen Schulabbrechern von Haupt-, Real- und Gesamtschulen die Möglichkeit einer ganztägigen schul- und praxisnahen Ausbildung verschaffen."Die Schüler sollen in Werkstätten mit Lehrern und erfahrenen Praktikern marktfähige Produkte selber entwickeln und produzieren. Eine Teilnahme am Schulunterricht geschehe auf freiwilliger Basis. Entscheidend sei die Stärkung des Selbstbewußtseins der jungen Menschen. Vorbild für die Hansestadt ist Dänemark: Dort gibt es seit einigen Jahren Produktionsschulen, die eng mit Kommunen und Unternehmen zusammenarbeiten. (hfo) DruckversionZurück zur Übersicht Hamburger Abendblatt, 05.03.1993 Produktionsschule gefordertImmer mehr Pädagogen fordern die Gründung einer Produktionsschule in Hamburg. In einem offenen Brief haben 241 Schul- und Abteilungsleiter sowie 125 Erziehungswissensschaftler und Schulpsychologen Schulsenatorin Rosemarie Raab (SPD) gebeten, "mit allem Nachdruck dafür zu streiten, daß die Produktionsschule so bald wie möglich mit ihrer Arbeit beginnen kann". Der Versuch der Senatorin, bereits für 1993 Geld zum Start des Projekts zu erhalten, war in den Haushaltsberatungen des Senats gescheitert.Die Produktionsschule hat das Ziel, Jugendliche ohne Schulabschluß sozial zu stabilisieren und auf das Berufsleben vorzubereiten. Das in Dänemark entwickelte Modell stellt die Produktion von Waren und Dienstleistungen in den Vordergrund, die marktfähig sein sollen. Die Jugendlichen erhalten einen Lohn von 500 Mark. Rund zehn Prozent der Schüler eines Jahrgangs verlassen die Schulen ohne Abschluß und sind zumeist arbeitslos. "Die Lage für diese Jugendlichen ist dramatisch", sagte Werner Stolpe, Vorsitzender der Vereinigung Hamburger Schulleiter. Nur die Hälfte der Jugendlichen ohne Abschluß nutzt das vorhandene Angebot der Berufsvorbereitungs-Klassen (BVK). Die Lücke wollen die Initiatoren der Produktionsschule schließen. Mit einer Modellrechnung will der bereits gegründete Verein Produktionsschule nachweisen, daß die neue Schulform nicht teurer ist als die BVK. Danach betragen die Kosten pro Schüler in der Produktionsschule 11 100 Mark für den städtischen Etat, während in den BVK 40 000 Mark aufzuwenden sind. Allerdings: Der städtische Haushalt wird nur dann nicht stärker belastet, wenn das Arbeitsamt und der Europäische Sozialfonds einen erheblichen Teil der Förderung übernehmen. Die Investitionskosten sind in der Rechnung nicht enthalten. (pum) DruckversionZurück zur Übersicht |
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