Produktionsschule Altona
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Konzept und weitere Basistexte



Kurzkonzept

In der Produktionsschule (PSA) werden Waren und Dienstleistungen produziert und vermarktet. Die Waren werden nicht für den Eigenbedarf hergestellt, sondern auf dem Markt angeboten.
Die Produktionsschule verfügt über Werkstätten, in denen die Herstellung von Waren und Dienstleistungen möglich ist. Die Arbeitszeit der Jugendlichen sowie der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter orientiert sich am gewerblichen Arbeitstag. Die Produktionsschule ist eine Ganztagsschule.
Die Jugendlichen erhalten einen Lohn. Produkte und Dienstleistungen der Produktionsschule erfüllen professionelle Qualitätsansprüche und sind marktfähig.

Werkstattarbeit und Unterricht

Den Kern der Produktionsschule bilden vier Werkstätten. Der allgemeinbildende Unterricht findet in der Produktionsschule nicht als isolierter Unterricht statt. Die Aneignung theoretischer Kenntnisse geschieht, wenn immer möglich, im Zusammenhang mit der Produktion. Darüber hinaus erhalten die Schülerinnen und Schüler Kursangebote zur Erreichung eines Schulabschlusses. Der Produktions- prozess ist so organisiert, dass Raum gelassen wird für schriftliches Arbeiten und Reflexionsphasen. Der Produktionsbetrieb wird an einem Tag in der Woche unterbrochen. In dieser Zeit sind die Jugendlichen in einem betrieblichen Lang- zeitpraktikum.

Kooperation

Die PSA unterhält intensive Kontakte zu Wirtschaftsbetrieben, sozialen Einrich- tungen und Schulen der Region. Sie ist eine Stadtteilschule.
Die Jugendlichen erhalten ein breit gefächertes Angebot an Praxismöglichkeiten.
Die vorhandenen personellen und materiellen Ressourcen werden koordiniert und effizient genutzt.

Zielgruppe

Die Produktionsschule ist für den Besuch von 44 Schülerinnen und Schülern vorge- sehen. Es handelt sich dabei um berufsschulpflichtige Jugendliche, die ihre Vollzeitschulpflicht in der Regel ohne Schulabschluss beendet haben und bei denen zu erwarten ist, dass sie kein anderes schulisches Angebot annehmen werden.

Aufgaben und Ziele

Aufgabe der Produktionsschule ist es:

  • Das Arbeiten, Lernen und Zusammenleben in einem engen Zusammenhang zu organisieren.
  • Das praktische und theoretische Lernen durch die Produktion von Waren und Dienstleistungen zu strukturieren.
  • Kontakte zu Schulen, Trägern der Jugendhilfe und Wirtschaftsbetrieben aufzu- bauen und zu pflegen.

Auf dieser Grundlage verfolgt die Produktionsschule folgende Ziele:

  • Gemeinsam mit den Jugendlichen Produkte und Dienstleistungen zu ent- wickeln und zu vermarkten.
  • Den Jugendlichen durch die Herstellung von marktfähigen Produkten und Dienstleistungen Verantwortungsbewusstsein, Selbstbewusstsein und Selb- ständigkeit zu vermitteln.
  • Jugendlichen kontinuierliche berufliche und betriebliche Erfahrung zu ermöglichen.
  • Den Jugendlichen berufliche und persönliche Perspektiven zu eröffnen.
  • Den Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, sich vorberuflichen Leistungs- anforderungen zu stellen und eigene Stärken zu erkennen und weiter zu entwickeln.
  • Jugendliche in Ausbildung bzw. Beschäftigung zu vermitteln.

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Die Produktionsschule Altona (PSA)
- Mehr als eine Modellschule mit Vorbildcharakter -

Kultur des Arbeitens, Lernens und Zusammenlebens eröffnet Jugendlichen berufliche und persönliche Perspektiven

Hamburg, 12. September 2005. Genau vor sechs Jahren, im September 1999, wurde die Produktionsschule Altona in Anwesenheit der damaligen Schulsenatorin Rosemarie Raab zusammen mit der Bildungspolitischen Sprecherin der GAL, Christa Goetsch, offiziell eröffnet. Damit wurde die erste Produktionsschule in Hamburg eingeweiht. Nach dänischem Vorbild gestaltet, ist diese Stadtteil- und Ganztags- schule eine Alternative zur traditionellen Berufsvorbereitung.

Ziel ist es, Theorie und Praxis zu verbinden, das heißt, die Schüler werden ganztags an der PSA in Deutsch, Mathematik und Englisch unterrichtet und arbeiten an realen Aufträgen externer Kunden. Diese Auftragsarbeiten, Waren und Dienstleistungen, werden in den vier hauseigenen Werkstätten produziert. Es handelt sich dabei um eine Medienwerkstatt (Internet und Grafik), eine Tischlerei, den Bereich Küche/ Kantine und eine Videowerkstatt. Die Produkte erfüllen professionelle Qualitäts- ansprüche und werden zu marktüblichen Preisen angeboten. Die Arbeitszeit der Jugendlichen sowie der Mitarbeiter orientiert sich am gewerblichen Arbeitstag. Die Schüler erhalten für ihre Tätigkeit einen Lohn in Form eines Schulgeldes von monatlich 150,- Euro. "Schüler lernen kundenorientiert und verbindlich zu arbeiten. So verschaffen wir ihnen Startvorteile. Die Entlohnung für ihre Tätigkeit ist für die Jugendlichen Anerkennung und Motivation zugleich", weiß Schulleiter Thomas Johanssen.

Das Angebot richtet sich vorwiegend an Jungen und Mädchen, die mindestens neun Schuljahre absolviert haben, ohne den Hauptschulabschluss zu erlangen. Die Schule neuen Typus bietet die Chance den Abschluss nachzuholen und sich zugleich auf eine Lehre vorzubereiten bzw. für den Arbeitsmarkt zu qualifizieren. Der Besuch der Schule ist freiwillig. 44 Jugendliche aus verschiedenen Nationen sind im August dieses Jahres an der PSA gestartet. Schulleiter Johanssen bedauert, dass er nicht mehr Schüler aufnehmen kann: "Es haben sich viermal so viele Jugendliche bei uns beworben. Das bestätigt uns, dass ein Bedarf besteht und wir mit unserem Konzept richtig liegen. Diese jungen Menschen begreifen die Ausbildung hier als Chance. Ihre Chance ist aus gesellschaftlicher Sicht gesehen auch unsere Chance, denn junge Menschen, die gleich in die Arbeitslosigkeit gehen, können nicht gut sein für Deutschland."

Die Kooperative Produktionsschule Altona ist eine GmbH mit gemeinnütziger Zweck- bindung. Sie baut Kontakte zu Schulen, zu Trägern der Jugendhilfe und Wirt- schaftsbetrieben auf und pflegt sie. Gesellschafter der PSA sind die Patriotische Gesellschaft, die Bildungswerkstatt Altona, die Jugendhilfe Ottensen und die "Motte". Neben dem Jahresetat der Schulbehörde und den Einnahmen aus Kundenaufträgen trugen bis 2005 die ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius und die Firma Philips zur Finanzierung bei. Seit August dieses Jahres fördert der Europäische Sozialfonds (ESF) für 12 Monate eine Neuausrichtung der Videowerkstatt. Zur dauerhaften Sicherung der Produktionsschule Altona werden weitere Fördergelder benötigt, die sich die Betreiber z.B. aus der Privatwirtschaft und von Stiftungen erhoffen.

Die Produktionsschule Altona (PSA) ist eine "andere" Schule, die Arbeiten, Lernen und Zusammenleben in einem engen Zusammenhang organisiert. Jugendliche werden hier auf Ausbildung und Beruf vorbereitet. Die PSA ist keine Zwangsanstalt, sondern baut auf Freiwilligkeit. Die praktische Arbeit in den Werkstätten steht im Mittelpunkt. Durch die Herstellung von marktfähigen Produkten und Dienstleistungen wird den Jugendlichen Verantwortungsbewusstsein, Selbstbewusstsein und Selbstständigkeit vermittelt.

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Produktionsschulen
- Ein kurzer Blick auf die Geschichte von gestern bis heute -

Thomas Johanssen, Schulleiter der Produktionsschule Altona, resümiert:

Die Ursprünge der Produktionsschuldiskussion in Deutschland reichen in die 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts zurück. Pädagogen im "Bund der entschiedenen Schulreformer" um Paul Oestreich diskutierten 1920 auf der Reichschulkonferenz über die Produktionsschulen. Ihnen ging es um eine neue Schule in einer neuen Gesellschaft. Sie propagierten die "Elastische Einheitsschule" als Vision einer de- mokratischen Schule und wandten sich gegen die bisherige Lernschule mit ihrer einseitigen "Wissensbildung". Die neue Schule sollte "die intellektuelle, technisch- werktätige und künstlerische Veranlagung gleichmäßig bewerten und fördern." Anders als Paul Oestreich vertrat der Münchner Stadtschulrat Georg Ker- schensteiner das Konzept einer Arbeitsschule mit einer Ausrichtung auf die staats- bürgerliche Erziehung der Zöglinge, auf eine Idee eines sittlichen Gemeinwesens in einem nationalen Ideal. Gemeinsam ist beiden die scharfe Kritik an der Lern- oder Buchschule einerseits, die Betonung der praktischen Arbeit in Werkstätten der Schulen anderseits.

Auch wenn sich in den heutigen Produktionsschulen Elemente der bereits damals diskutierten Vorstellungen finden, scheint eine Bezugnahme auf diese Tradition problematisch. Zwar stellen die heute existierenden Produktionsschulansätze auch eine Schulkritik unseres bestehenden Systems dar, doch wir hüten uns vor dem Hintergrund der damaligen politischen und gesellschaftlichen Bedingungen des kaiserlichen bzw. des Weimarer Schulwesens davor, eine Wiederauferstehung alter Reformkonzepte zu beschwören.

Die gegenwärtige Diskussion um Produktionsschulen ist weniger ideologisch. Durch diesen Schultyp soll die Gesellschaft nicht verändert werden, die Diskussionen sind eher pragmatisch über das Verhältnis von Pädagogik und Ökonomie, über politische Durchsetzungsstrategien und, schon kontroverser, darüber, ob Produktionsschulen allein ein Instrument der Benachteiligtenförderung oder ein pädagogisches Prinzip darstellen, das für viele Jugendliche eine geeignete Form des Lernens darstellt.

Dennoch sind die heutigen Produktionsschulen nicht ohne Vorbild, allerdings we- niger mit einer historischen Bezugnahme. Vielmehr orientieren sie sich an den verschiedenen Beispielen der Produktionsschulen in Dänemark. Die pädagogischen Grundprinzipien, nach denen in den Schulen unseres Nachbarlandes gearbeitet wird, finden sich in unterschiedlich ausgeprägter Weise in den deutschen Produk- tionsschulen wieder.

Deutsche Lehrkräfte haben in Dänemark viel gelernt über Pädagogik, darüber wie man in einer Produktionsschule respektvoll mit jungen Menschen umgehen kann, wie ein förderliches Klima geschaffen werden kann, auch darüber, welche Wirkun- gen von schön gestalteten Räumen ausgehen.

Stand der Entwicklung

Nach einer von Prof. Roland Schöne (TU Chemnitz) durchgeführten Studie (im Auftrag des BMBF) zum aktuellen Entwicklungsstand der Produktionsschulen in Dänemark, Österreich und Deutschland gibt es in Deutschland gegenwärtig etwa 22 Produktionsschulen und Einrichtungen mit produktionsschulorientiertem Ansatz. Sie arbeiten in ganz unterschiedlichen Trägerschaften, Organisations- und Rechts- formen. Es gibt Kooperationen zwischen Trägern und beruflichen Schulen, es gibt PS als autonomer Teil einer Berufsschule und es gibt PS in kommunaler Trägerschaft.
Ähnlich unübersichtlich sind die Finanzierungsquellen. ESF, BMBF, Kommunen, Arbeitsverwaltung, private Sponsoren und zu einem geringen Teil selbst erwirt- schaftete Erträge führen oft zu einem Maßnahmenmix unter dem Dach einer Pro- duktionsschule. Das bringt zwar phantasievolle Finanzjongleure hervor, die aber alle vor dem gleichen Problem stehen: Eine längerfristige Finanzierung ist nicht gesichert, der Kampf um die Grundlagen bzw. um das Überleben wird zum All- tagsgeschäft mit der Tendenz zur Verselbständigung. Das ist für die notwendige Weiterentwicklung manch eines noch sehr zarten Produktionsschulansatzes si- cherlich nicht sehr nützlich. Die Schlussfolgerung lautet daher: Es werden gesi- cherte finanzielle und rechtliche Grundlagen gebraucht, wenn die Produktionsschu- len als ein weiteres ergänzendes Angebot des deutschen Bildungssystems werden sollen.

Funktion und Merkmale

Was vielen Fachleuten seit langem bekannt ist, das haben die verschiedenen PISA- Studien belegt und einer interessierten Öffentlichkeit ins Bewusstsein gebracht, nämlich, dass das deutsche Bildungssystem eine große Zahl von jugendlichen Systemverlierern hervorbringt. Jährlich verlassen um die 10% der Abgänger die Schulen ohne einen Abschluss. Sie alle, aber auch die meisten schlecht Qualifi- zierten mit einem Hauptschulabschluss, bleiben erst einmal ohne eine berufliche Perspektive. Sie finden keine Aufnahme im Dualen System der Berufsausbildung. Zahlen über das gigantische Ausmaß dieser "Bildungsbenachteiligten" liegen vor beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), bei der Arbeitsverwaltung, bei den Bildungsbehörden der Länder. Es ändert sich aber nichts. Jedes Jahr bleiben viele Zehntausend nach wie vor ohne Lehrstelle.

Es werden präventive ergänzende Angebote für Jugendliche benötigt, die dann wirksam werden, wenn Schüler in unserem herkömmlichen Bildungssystem zu scheitern drohen, wenn es also noch nicht zu spät ist. Misserfolgserlebnisse und Negativerfahrungen dürfen sich nicht so sehr verfestigt haben, dass der schulische Abstieg und damit die sich anschließende Maßnahmekarriere drohen. Produk- tionsschulen mit ihrem Konzept von Bildung durch gesellschaftlich nützliche Arbeit, können ein solches Angebot sein, denn:

  • Produktionsschulen sind arbeitsorientierte Bildungseinrichtungen der Be- rufsvorbereitung.
  • Im Zentrum steht die marktorientierte Produktion und Dienstleistung.
  • Der Lernprozess findet im Zusammenhang mit realen Kundenaufträgen in- dividuell statt. Die Jugendlichen erfahren den Nutzen ihrer Tätigkeit.
  • Die Räumlichkeiten der Produktionsschulen sind "unschulisch".
  • Stärken und Fähigkeiten der Jugendlichen sind der Ausgangspunkt.
  • Das Personal der Produktionsschulen (Werkstattleiter, Anleiter) ist fachlich qualifiziert.
  • Die Jugendlichen erhalten ein Schülergeld.
  • Individuelle Förderkonzepte unterstützen den Übergang in Ausbildung bzw. Arbeit.
  • Über die Verwendung der Einnahmen entscheiden die Produktionsschulen selbst.

Zu betonen ist, dass schulisches Lernen nicht nur in theoretischem Unterricht statt- findet. In schulischen Werkstätten wird auch nicht einfach nur gearbeitet. Das Ent- scheidende in der PS ist die gelungene Verbindung von theoretischem und prakti- schem Lernen. Es geht um einen umfassenden Lernprozess, der weder durch die Schulglocke noch durch den Wechsel vom Klassenzimmer, auch Lernlokal genannt, in die Werkstatt unterbrochen bzw. zerteilt wird. Es wird also immer der praxis- bezogene Aspekt zur Verdeutlichung der Theorie und umgekehrt der theoretische Aspekt in die Praxis einfließen.
Etwas zu produzieren, was von anderen gebraucht wird verhilft zu sozialer Aner- kennung. Die Verbindung von Arbeit und Lernen schafft Realitätsnähe. Die Produkte und Dienstleistungen müssen den Kriterien der Marktfähigkeit gerecht werden. Aus diesen Ansprüchen entstehen Erfolgserlebnisse der Schüler, sie erfahren, dass sie etwas geleistet haben, das tatsächlich gebraucht wird. Der Mangel an Selbstvertrauen wird durch gesellschaftliche Anerkennung kompensiert. Der Pro- duktionsgedanke ist Vehikel zur Stiftung von Selbstvertrauen und Anerkennung, erwerbswirtschaftlich, nicht gewinnorientiert.

Zielgruppe

Zur Zielgruppe der Produktionsschulen zählen:

  • Aktive und passive Schulverweigerer
  • Jugendliche ohne Schulabschluss
  • Jugendliche mit geringen Chancen beim Zugang zum Ausbildungs- bzw. Arbeitsmarkt
  • Ausbildungsabbrecher

Eine solche Zielgruppenbestimmung ist allein der Logik eines Reparatursystems geschuldet. Sie geht davon aus, dass es jährlich eine bestimmte Zahl von System- verlierern gibt, die dann in einer Warteschleife gehalten werden und anschließend von der Agentur für Arbeit entweder noch einmal in eine weitere berufsvorberei- tende Warteschleife weitergereicht und/oder auf ihre Vermittelbarkeit hin geprüft werden. Ist die nicht gegeben, dann werden die Jugendlichen sich selbst überlas- sen, im anderen Fall sieht die Zukunft auch nicht viel besser aus, denn für sie gibt es keine Ausbildungsplätze. Die Träger der Berufsvorbereitung sollen aber Vermitt- lungserfolge vorweisen, sonst wird ihnen der Geldhahn abgedreht. Ein Teufelskreis.

Würde man präventiv denken, dann wäre rechtzeitig und pädagogisch angemes- sen zu reagieren. Nicht Standardfestschreibungen, Zentralprüfungen und neue Lehrpläne sind allein die richtige Antwort, sondern es müssen neue Antworten dafür gefunden werden, welche Unterrichtformen und Unterrichtsinhalte dazu taugen, um Jugendliche zu befähigen, den Anforderungen an die heutige Berufswelt gerecht zu werden. Nicht der Wissensdrill wird die erwünschten Ergebnisse bringen, sondern die individuelle Förderung von Kindern und Jugendlichen, die ihre Begabungen und Möglichkeiten zum Ausgangspunkt macht und ihnen eine Schule anbietet, in der sie gleichermaßen gefördert und gefordert werden können.

Hier schließt sich wieder der Kreis zu den Diskussionen der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts und wir können feststellen, dass die neuen Grundsatzfragen nach dem richtigen Weg des Lernens gar so neu nicht sind.

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Interview mit dem Schulleiter Thomas Johanssen

Was hat Sie damals dazu bewogen, das Konzept für die Produktionsschule nach däni- schem Vorbild zu erarbeiten?

Ich habe viele Jahre an der Berufsschule gearbeitet und festgestellt, dass es sinnlos ist, gegen die Abwehr von Schülern anzuarbeiten, gegen ihre Abwesenheit anzugehen und die hohen Abbrecherquoten zu beklagen. 1989 besuchte ich erstmals in Dänemark eine Produktionsschule. In unserm nördlichen Nachbarland gab es schon damals mehr als 100 Schulen dieser Art. Das Konzept hat mich sofort überzeugt. Mit verschiedenen Unterstützern habe ich mich damals daran gemacht, dieses Modell auch in Hamburg zu verwirklichen.

1989 hatten Sie dieses Konzept erstmalig den Hamburger Behörden vorgestellt, warum wurde es erst 10 Jahre später in die Tat umgesetzt?

Die Frage lässt sich nicht so einfach beantworten. Offiziell wurden finanzielle Grün- de von der Schulbehörde genannt. Ein Grund dürfte aber gewesen sein, dass die Auffassung vertreten wurde, dass die Berufsvorbereitungsklassen die richtige Schulform für alle benachteiligten Jugendlichen wären. Auch wenn es bis zur Um- setzung lange gedauert hat, entscheidend ist, dass wir schließlich doch alle Ent- scheider von unserem Konzept überzeugen konnten.

Wie unterscheiden sich die Klassen der PSA von den berufsvorbereitenden Klassen der Berufsschule?

Der erste Unterschied ist, dass die Produktionsschule Altona eine Stadtteil- und Ganztagsschule ist. Es gibt keine Klassen, sondern nur kleine Werkstattteams, Lern- und Projektgruppen. Der Besuch der Schule ist freiwillig. Im Mittelpunkt steht bei uns an der Schule die Arbeit, verbunden mit Schülergeld. Es gibt feste Arbeitszeiten, aber keine Unterrichtsstunden, auch wenn natürlich Deutsch, Mathematik und Englisch unterrichtet werden. Die Herstellung von Produkten und das Angebot von Dienstleistungen für Kunden bieten die Möglichkeit anders zu lernen. Die Schüler können an der PSA den Hauptschulabschluss nachholen. Grundsätzlich lautet unser Motto: Lernen im Produktionsprozess und somit Startvorteile für Ausbildung und Beruf erwerben.

Woher stammen Ihre Lehrkräfte?

Aus der Praxis mit Betriebserfahrung. Außerdem gibt es zwei Lehrer.

Ist die PSA politisch motiviert?

Die Idee der Produktionsschule ist immer von allen Fraktionen im Rathaus unter- stützt worden.

Der GAL gelang es 1997, die Produktionsschule im Koalitionsvertrag mit der SPD zu verankern. Damit war die Voraussetzung für eine konkrete Umsetzung geschaffen. Die Produktionsschule Altona ist nicht unpolitisch, aber von ihrem Selbstverständnis her natürlich überparteilich.

Was unterscheidet die PSA von anderen Berufsvorbereitungseinrichtungen?

Erst einmal unterscheiden wir uns von anderen Schulen dadurch, dass nicht das Lernen aus Büchern im Vordergrund steht, sondern praktisches Lernen an realen Kundenaufträgen. Es gibt also einen engen Zusammenhang von Theorie und Pra- xis. Projektarbeit und Praxisangebote gibt es auch in anderen Schulen, aber eine konsequente Marktorientierung praktiziert allein die PSA.

Mehrere Nationen bei 44 Schülern, gibt es da nicht Probleme?

Die Vermutung liegt nahe, allerdings taucht dieses Problem praktisch nicht auf. Das liegt zum einen sicherlich daran, dass in Altona viele Menschen unterschiedlicher Kulturen wohnen, es quasi zum Alltag gehört, zum anderen aber auch daran, das neben der ernsthaften Arbeit in den Werkstätten, eine besondere Kultur des Zusammenlebens und Lernens in der PSA herrscht. Die Toleranz der Schüler im Miteinander ist beispielhaft.

Wie viele Bewerber gibt es?

Die Anzahl der Bewerber steigt jedes Jahr kontinuierlich. Allein in diesem Jahr hatten wir 220 Jugendliche, die gern bei uns starten wollten. Wir selbst können nur 44 Schüler aufnehmen. Auf jeden Fall wird deutlich, dass der Bedarf für dieses Schulmodell gegeben ist.

Die Schüler erhalten Geld für ihre Arbeit, muss Lernen bezahlt werden?

Ich möchte betonen, die Jugendlichen besuchen die PSA freiwillig. Da aber die Arbeit im Mittelpunkt steht und diese sich am gewerblichen Alltag orientiert, gehört auch eine Entlohnung für ihre Tätigkeit dazu. Das ist eine Form der Anerkennung, aber auch eine Motivation. Und zweifellos wirkt dieses Prinzip auch disziplinierend, denn wer beispielsweise Stunden schwänzt, dem wird entsprechend das Schülergeld gekürzt. Die Schüler sollen schließlich auf Ausbildung und Beruf vorbereitet werden, da werden sie mit einem ähnlichen Alltag konfrontiert.

Sie sagen, die Arbeit steht in der PSA im Mittelpunkt: Lernen die Schüler so nicht zu wenig?

Die Arbeit ist nicht isoliert zu betrachten, sondern ein wesentliches Element des Lernens. Es wird am Produktionsprozess gelernt. Das heißt, auch die Aneignung theoretischer Kenntnisse geschieht, wenn immer möglich, im Zusammenhang mit der Produktion. Deutsch, Englisch und Mathematik sind ebenfalls fester Bestandteil des Lehrangebots.

Wer sind externen Auftraggeber für Ihre Werkstätten?

Wir haben sowohl staatliche als auch private Auftraggeber. Unsere Kunden kom- men aber auch aus der Wirtschaft und von Stiftungen.

Welche Produkte oder Dienstleistungen bieten Sie Kunden an?

Wir haben mehrere Werkstätten: eine Medienwerkstatt (Webdesign und Druckgra- fik), eine Tischlerei, den Bereich Küche/Kantine und eine Videowerkstatt. Wir bauen zum Beispiel Möbel, machen Internetauftritte und Imagefilme, produzieren Flyer und Broschüren oder arbeiten als Caterer auf Festen. Wir erfüllen individuelle Kundenwünsche fast jeder Art.

Warum bieten Sie Ihre Produkte und Dienstleistungen nicht günstiger an als der Markt, um noch mehr Aufträge zu generieren?

Unsere Angebote erfüllen höchste Qualitätsansprüche und Qualität hat ihren Preis. Wir sind damit marktfähig aufgestellt. Das belegt die hohe Kundenzufriedenheit. Wir haben aber auch die Auflage, dem ersten Arbeitsmarkt keine Konkurrenz zu machen.

Welche aktuellen Kundenaufträge gibt es?

Unsere Tischler bauen für einen Reiterhof ein behindertengerechtes WC-Haus, für eine katholische Schule fertigen sie Möbel für das Lehrerzimmer. Die Schüler der Grafikwerkstatt entwickeln eine Broschüre für eine Kita in Bergedorf. In der Me- dienwerkstatt entsteht die Website für einen Betrieb, der Ferien auf dem Bauernhof anbietet. Unsere Kantine hat gerade das Catering - neben dem täglichen Mittags- tisch in der PSA - für eine Veranstaltung der Großstadtmission abgewickelt. Es gibt also keinen Auftragsmangel.

Wie hoch ist die Vermittlung von Schulabgängern in Ausbildungsplätze?

Für unsere Schüler geht es zuerst einmal um einen Schulabschluss. Mehr als 80% derjenigen, die zur Externenprüfung zugelassen werden, erreichen ihn. Das ist ein großer Erfolg. Was den Übergang in eine Ausbildung bzw. Arbeit angeht so liegt die Quote zwischen 40 und 50%. Allerdings gibt es eine immer geringer werdende Bereitschaft der Betriebe Jugendliche mit Hauptschulabschluss auszubilden. Dieses Schicksal teilen unsere Schüler mit den meisten Abgängern von Hauptschulen.

Die Finanzierung der Produktionsschule Altona erfolgt durch die Schulbehörde, die ZEIT-Stiftung, die Firma Philips und den Europäische Sozialfonds (ESF) sowie durch die Einnahmen aus Kundenaufträgen. Der Förderzeitraum der ZEIT-Stiftung, von Philips und vom ESF ist aber befristet und endet in diesem bzw. im nächsten Jahr. Wie wollen Sie die weitere Finanzierung der Produktionsschule absichern?

Die langfristige Finanzierung ist ein Thema, das uns sehr beschäftigt. Wir sind auf die Förderung durch Dritte angewiesen, da wir uns durch die Einnahmen aus dem Verkauf unserer Waren und Dienstleistungen nur teilweise finanzieren können. Eine vollständige Eigenfinanzierung ist uns als Schulbetrieb nicht möglich. Deshalb sind wir dankbar für staatliche Fördergelder und die Unterstützung von Stiftungen. Darüber hinaus sind wir auf der Suche nach Sponsoren aus der Wirtschaft. Die Vermittlung von jungen Menschen in Beschäftigung ist schließlich in unser aller Interesse.


Interview: Christina Ziegfeld

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Bundesverband Produktionsschulen (ehemals Arbeitsverbund Produktionsschu- len Nord, Juni 2006)

Produktionsschulprinzipien

Der Bundesverband Produktionsschulen (BVPS) hat sich mit der Zielstellung gegründet, die Umsetzung des Produktionsschulgedankens qualitativ abzusichern und das Produktionsschulkonzept weiterzuentwickeln. Der BVPS legt hiermit fach- liche Prinzipien für die Produktionsschularbeit vor. Die Festlegung von Prinzipien im Sinne von Standards ist notwendig, um den derzeitigen Initiativen und Aktivitäten in ganz Deutschland Perspektiven für den Aufbau einer exzellenten Produktionsschule zu weisen.

Präambel

Das Schulsystem in Deutschland mit seinen hoch entwickelten Selektionsmechanis- men lässt Tausende Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen und kulturell benachteiligten Schichten nahezu chancenlos bleiben. Ein Bildungssystem, das die kulturellen und sozialen Voraussetzungen der Individuen so wenig zum Ausgangs- punkt des Lernens macht wie in Deutschland, reproduziert soziale Ungleichheit und wirkt damit verheerend auf die Verteilung von Lebenschancen. Die Produktions- schulen wollen mit ihrem Lernkonzept einen Beitrag zur Überwindung von Bildungs- armut leisten. Sie verstehen sich in erster Linie als ein Angebot an Systemverlierer, die nicht über die Basiskompetenzen verfügen, die nötig sind, um auf dem Erwerbs- arbeits- und Ausbildungsmarkt zu bestehen.
Produktionsschule ist ein Lernort, an dem Arbeiten und Lernen sich gegenseitig bedingen. Junge Menschen machen in Produktionsschulen Lernerfahrungen an "sinnbesetzten Gegenständen" (Produktion und Dienstleistungen). Im Mittelpunkt steht eine sehr hohe Praxis- bzw. Handlungsorientierung aller Lernprozesse. Mit ihrem Konzept des praktischen Lernens machen Produktionsschulen die erworbenen Kenntnisse und Erfahrungen der Jugendlichen zum Ausgangspunkt. Produktions- schulen legen dabei besonderen Wert auf eigene Wirksamkeitserfahrungen und die Eigenmotivation der Lernenden.
Eine Produktionsschule ist ein facettenreicher Lern- und Arbeitsort für junge Men- schen, der geprägt ist von Freude am Lernen und Arbeiten, von der Neugier auf Veränderung und einem konstruktiven Miteinander. Junge Menschen sollen Produk- tionsschule als einen Ort wahrnehmen, mit dem sie sich identifizieren können und den sie gerne besuchen. Hier können sie sich in vielschichtiger Weise erproben und das Gefühl bekommen, um ihrer selbst willen angenommen und respektiert zu wer- den. Sie können schrittweise ihre Stärken ausweiten und nach und nach ihr eigenes Leben aktiv und verantwortlich steuern. Das pädagogische Handeln der Mitarbei- terinnen und Mitarbeiter ist geprägt durch eine respektvolle Haltung gegenüber der Person und ihrem Lebensentwurf. Dies bedeutet: empathische Zuwendung, nachvollziehbare Grenzziehung und Orientierung an Erfolg und Stärken.
Produktionsschul-Pädagogik knüpft damit an reformpädagogische Traditionen an: Produktionsschule versteht sich als Bildungs-, Arbeits- und Lebensort, in dem Jugendliche neue Erfahrungen machen können und der ihnen Übergänge zu Bildung und Beruf ermöglicht. Produktionsschule kann damit ihre Erfahrungen und Erfolge selbstbewusst in die Diskussion über die Zukunft des deutschen Bildungssystems einbringen.

1. Ziele

  • Eine Produktionsschule entwickelt Orientierungs-, Vorbereitungs- und Quali- fizierungsangebote für Jugendliche und junge Erwachsene (im Folgenden zumeist: "Teilnehmerinnen und Teilnehmer"), um ihre berufliche und soziale Integration zu ermöglichen. Vorrangig will eine Produktionsschule Jugendliche ohne Abschluss oder mit unzureichendem Schulabschluss durch arbeitsbeglei- tende Qualifikationen in das Erwerbsleben integrieren.
  • In einer Produktionsschule sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer - unter fachlicher Anleitung - produzierend tätig. Es geht um die Vermittlung von Schlüsselqualifikationen, die Herausbildung sozialer und methodischer Kompe- tenzen sowie Fachqualifikationen. Fachliche Qualifizierung und Entwicklung sozialer Kompetenzen gehen Hand in Hand, um Persönlichkeitsstabilisierung und Persönlichkeitsentwicklung anzuregen.
  • Eine Produktionsschule vermittelt eine positive Einstellung zum lebenslangen Lernen und fördert damit die Eigenverantwortung für die Ausgestaltung des Lebensweges.
  • Produktionsschulen verstehen sich als ein eigenständiger Bestandteil des be- ruflichen Bildungssystems.

2. Allgemeine Merkmale

  • Eine Produktionsschule produziert für den Verkauf bzw. bietet Dienstlei- stungen an, die auf dem freien Markt realisiert werden. Lernprozesse finden über Produktionsprozesse statt; es erfolgt keine Trennung zwischen Lern- und Arbeitsort. Produktorientierung führt zum Erkennen des Wertes der eige- nen Arbeit.
  • Die technischen und sozialen Organisationsstrukturen sind betriebsnah aus- gerichtet. Die Lern- und Produktionsprozesse sind für die Teilnehmer nach- vollziehbar und hinterfragbar. Die Produktionsbereiche ("Werkstätten") sind die didaktischen und pädagogischen Zentren einer Produktionsschule.
  • Die Werkstätten einer Produktionsschule enthalten ein Angebot verschiede- ner Berufs-, Arbeits- oder Tätigkeitsfelder.
    Produktionsschulen wollen Jugendliche mit Arbeitserfahrungen und ganzheitli- chem, lebenspraktischem Lernen ausstatten und durch praktische Arbeits- und Beschäftigungsfelder Bewährungsmöglichkeiten schaffen, die die gesell- schaftliche Teilhabe der Jugendlichen sichern und die (Re-) Integration in Bil- dung, Beschäftigung und Arbeit unterstützen.
  • Produktionsschulen können neben produktionsbezogenen Angeboten und Teilqualifizierungen auch schulische Abschlüsse anbieten.

3. Zielgruppen

  • Produktionsschulen nehmen junge Menschen im Alter von 15 - 25 Jahren beim Übergang in Ausbildung und/oder Erwerbstätigkeit auf.


4. Freiwilligkeit

  • Produktionsschule basiert auf der freiwilligen Entscheidung der Teilnehmerin- nen und Teilnehmer. Sie werden in der Regel nicht durch öffentliche Institutio- nen zugewiesen. Sie müssen sich an einer Produktionsschule bewerben.
  • Freiwilligkeit bedeutet nicht Willkür. Die Jugendlichen müssen sich selbstver- ständlich in der Produktionsschule an die "Regeln des Hauses" halten.

5. Pädagogischer Rahmen

  • Die pädagogische Arbeit orientiert sich am gesamten Menschen mit all seinen Facetten und Eigenheiten. Produktionsschulpädagogik will die persönlichen Kompetenzen der Heranwachsenden stärken und Sicherheit und Vertrauen aufbauen.
  • Die Lernprozesse einer Produktionsschule basieren auf dem Erleben des Zu- sammenhangs von Handlung und Folge. Die eigene Kompetenzentwicklung wird für die Teilnehmerin und den Teilnehmer begreifbar. Die Heranwachsen- den können Vertrauen zu den eigenen Fähigkeiten entwickeln und - durch intensive Begleitung und Reflexion ihrer Entwicklungserlebnisse - verantwort- liche Entscheidungen treffen.
  • Ziel des Besuchs einer Produktionsschule ist die persönliche Veränderung, z.B. in Form von Kompetenzerweiterung oder dem Ablegen von gewohnten Verhaltensweisen. Die pädagogische Arbeit und die Lern- und Arbeitsatmo- sphäre sind darauf ausgerichtet, den Teilnehmern ein möglichst optimales Lernumfeld zu schaffen und so möglichst aussichtsreiche Voraussetzungen für Veränderungsprozesse zu bieten.
  • Eine Produktionsschule muss zwischen pädagogischen und betriebswirt- schaftlichen Kriterien abwägen. Die Aufträge und Produktionen basieren auf einem pädagogisch-didaktischen Konzept. Sie müssen immer wieder auf die Zielgruppe abgestimmt werden, so dass Wirtschaftlichkeits- und Förderaspek- te berücksichtigt werden.

6. Kompetenzfeststellung und Förderplanung

  • Produktionsschulen arbeiten auf Basis des Kompetenzansatzes; eine Produk- tionsschule nimmt Jugendliche in ihren Fähigkeiten und Stärken wahr, um die Kette bisheriger Defizit- bzw. Misserfolgserfahrungen zu durchbrechen.
  • Der Einstieg der Jugendlichen erfolgt über erprobte Verfahren zur Kompetenz- feststellung.
  • Kompetenzfeststellung sollte mit der individuellen Förderplanung untrennbar verbunden sein. Individuelle Förderplanung enthält arbeitswelt-, fachbezoge- ne und sozialpädagogische Lernschritte; sie ist biographie- und lebenswelt- orientiert.

7. Didaktische Leitlinien

  • Produktion und Dienstleistung bilden den didaktischen Kern einer Produk- tionsschule. Der Lernprozess ist gekennzeichnet durch individuelles und situatives Lernen in realen Arbeitssituationen; die Jugendlichen erfahren hier- bei den Nutzen ihrer Tätigkeit.
  • Didaktisch geht es um einen Abgleich zwischen Person und Auftrag: "Gibt es einen pädagogischen Wert in der Arbeit, im Auftrag, in der Produktion"?
  • Die handlungsorientierten Angebote einer Produktionsschule beziehen sich auf Produkte und Dienstleistungen in der Region, die mit Betrieben und Ein- richtungen abgestimmt sind.
  • In einer Produktionsschule können Zertifikate für bestimmte erworbene Fähig- keiten und Fertigkeiten vergeben werden.
  • Konstitutiv für die Didaktik der Produktionsschule ist das Prinzip des selbsttä- tigen Lernens; dazu ist besonders die Methode des Voneinander- und Mitein- anderlernens angeraten.
  • Produktionsschule kennt neben der Produktion auch Unterricht; notwendig sind variable Unterrichtseinheiten und eine Vielfalt der Methoden.
  • Eine Produktionsschule kann die Vorbereitung auf einen staatlich anerkann- ten Schulabschluss anbieten.
  • Bei der Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen sowie entsprechender Lehr- und Lernmaterialien sind die Erfahrungen aus der Lern- und Arbeitswelt der Teilnehmerinnen und Teilnehmer einzubeziehen.
  • Stärkung der Medienkompetenzen, Entwicklung und Festigung sozialer Kom- petenzen, Entwicklung kultureller Projekte, Einzelangebote zur Entwicklung der Ausbildungs- und Beschäftigungsreife und weitere berufs- und lebens- vorbereitende Angebote gehören in das Angebotsspektrum.
  • Der ganzheitliche Ansatz einer Produktionsschule ist durch zusätzliche Ange- bote für musische, politische und soziale Bildung geprägt. Hierzu gehören auch Freizeitangebote, die möglichst gemeinsam mit den Fachkräften gestal- tet werden sollten.

8. Lernumgebung - Lernatmosphäre

  • Lernen und Produktion in der Produktionsschule finden in einer inhaltlich zusammenhängenden Lernumgebung statt. Produktion, kognitives Lernen und persönliche Entwicklung müssen in der Wahrnehmung der Teilneh- merinnen und Teilnehmer eine stimmige Einheit bilden. Die Lernatmosphäre ist geprägt von gegenseitiger Achtung und Wertschätzung. Sie soll die "Schaffung von Heimat" für die Jugendlichen ermöglichen.
  • Produktion, Anleitung, Orientierung und persönliche Begleitung/Beratung for- men eine Einheit und bilden so die Grundlage für eine wirkungsvolle Lernum- gebung.
  • Die Jugendlichen sollen bei der Erfüllung der Produktionsaufträge Gemein- schaft erfahren; die Organisierung von sozialer Gruppenarbeit ist eine zentra- le Anforderung.
  • Eine Produktionsschule sollte ein für die Jugendlichen und für das Personal "überschaubares Haus" sein, in dem eine ansprechende und individuell för- derliche Lernatmosphäre herrscht. Die Theorie- und Praxisräume sind adäquat zu gestalten: Produktionsschulen zeichnen sich durch offene, helle und angenehm wirkende Räumlichkeiten aus.
  • Hauptkennzeichen einer Produktionsschule sind verschiedene Werkstätten mit unterschiedlichen Produktions- und Dienstleistungsangeboten; die Ju- gendlichen lernen durch das breite Angebot verschiedener Berufs-, Arbeits- oder Tätigkeitsfelder kennen. Zur Erweiterung der Lern- und Erfahrungs- möglichkeiten sind ebenso Praktika außerhalb der Produktionsschule denkbar.

9. Organisation der Lern- und Arbeitsprozesse

  • Die Jugendlichen können ständig (ganzjährig) in eine Produktionsschule ein- steigen. Die Verweildauer der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist individuell; der Ausstieg ist jederzeit möglich. Der Verbleib in einer Produktionsschule ist grundsätzlich an den individuellen Erfordernissen des Teilnehmers orientiert.
  • Es gibt eine transparente Entlohnung für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.
  • Die maximale Teilnehmerzahl in den Werkstätten hängt von der Zahl der jeweiligen Werkstattpädagoginnen und -pädagogen ab; die Betreuungszahl pro Fachkraft beträgt idealerweise 6 - 8 Jugendliche.
  • Produktionsschulen gehen (bei einer 40-Stunden-Woche) von etwa 30-34 Stunden Werkstattarbeit der Fachkraft pro Woche aus. Es ist hinreichend Zeit für die Akquisition von Aufträgen, zur pädagogischen Vorbereitung und zur Begleitung der Jugendlichen (Jobcoaching; Berufswegeplanung und -begleitung etc.) bereitzuhalten.
  • Eine Produktionsschule hat eine spezifische Tages-, Wochen- und Monats- struktur. Bei der Tagesstruktur ist das gemeinsame Essen (Frühstück und/ oder Mittagessen) aller Heranwachsenden und aller Fachkräfte im Sinne des "Heimatgedankens" erwünscht.
  • Alle Prozesse in einer Produktionsschule sind für die Teilnehmerinnen und Teil- nehmer nachvollziehbar und hinterfragbar. Dies gilt auch für Entscheidungen der Fachkräfte.
  • Eine Produktionsschule hat wöchentliche Teamgespräche der Werkstattberei- che sowie regelmäßige pädagogische Konferenzen mit Fallbesprechungen.
  • Die jungen Menschen gestalten die Lern- und Arbeitsprozesse einer Produk- tionsschule (verantwortlich) mit.

10. Fachkräfte - Personalentwicklung

  • Die Kompetenzen der Fachkräfte und deren kommunikative Bindungen an die Jugendlichen sind wichtige Erfolgsfaktoren einer Produktionsschule. Ein möglichst hohes Niveau in werkstatt- und sozialpädagogischen Kompetenz- bereichen sowie die stetige Weiterentwicklung der eigenen Fähigkeiten und der Produktionsschule selbst sind zentral.
  • Die Fachkräfte einer Produktionsschule stammen in der Regel aus verschiede- nen Berufen. Besonders geeignet sind Fachkräfte mit Erfahrungsvielfalt, Doppel- bzw. Mehrfachqualifikationen.
  • In einer Produktionsschule sollte ein "Mix" verschiedener Professionen herr- schen: Die Fachkräfte sollen sich nicht nur als Vertreterin bzw. Vertreter der Berufspädagogik, Sonderpädagogik oder Sozialpädagogik verstehen, es bedarf vielmehr einer "Produktionsschulpädagogin" bzw. eines "Produk- tionsschulpädagogen". Für die Herausbildung dieser spezifischen Profession sind systematischer Wissensaustausch, eine gemeinsam getragene Identität sowie spezielle Aus- und Fortbildungen Voraussetzung.
  • Die notwendigen inneren Haltungen der Fachkräfte lassen sich so beschrei- ben: "Engagement", "Enthusiasmus", "Zuneigung zu den Teilnehmern", "ent- wicklungsorientiert", "sich zurückhaltend".
  • Neben der pädagogischen Arbeit ist die Akquisition von Aufträgen eine zentrale Aufgabe, für die die Fachkräfte Managementqualifikationen benöti- gen.
  • Alle Fachkräfte schließen Vereinbarungen mit der Leitung über die zu errei- chenden Ziele der Produktionsschule ab. Die Vereinbarungen sind zu kommu- nizieren und untereinander abzustimmen.
  • Produktionsschulen legen Wert auf die persönliche Entwicklung ihrer Fach- kräfte. Die Fachkräfte einer Produktionsschule wiederum müssen auf ihre ständige fachliche Weiterentwicklung sowie auf die qualitative und methodi- sche Überprüfung ihres Handelns achten. Unabdingbar sind hierzu entspre- chende Instrumente (z. B. Supervision, kollegiale Beratung) sowie die Bereit- schaft, die eigene Arbeit und deren Ergebnisse kritisch zu hinterfragen und erforderlichenfalls zu ändern.

11. Strukturelles

  • Jede Produktionsschule entwickelt ihr originäres Leitbild, das neben pädago- gischen Grundsätzen die Bezüge zu regionalen Märkten erläutert.
  • Jede Produktionsschule hat eine Leitung; bei der Leitung kann Rotation herr- schen. Die Leitung ist dem Kollegium und einem Beirat bzw. einer Steuerungs- gruppe verantwortlich.
  • Neben der Leitung begleitet eine Steuerungsgruppe/Beirat die Entschei- dungsprozesse einer Produktionsschule. Dieses Gremium besteht aus ver- schiedenen Vertretern, z.B.: regionale Wirtschaft, Tarifpartner, Religions- gemeinschaften, Politik, NGOs, Gemeinwesen, etc.
  • Wenn in einer beruflichen Schule eine Produktionsschule errichtet wird, müssen grundsätzlich die strukturellen, organisatorischen und pädagogischen Produktionsschulprinzi­pien eingehalten werden.
  • Externe Überprüfung/Qualitätssicherung: Jede Produktionsschule sollte sich durch unabhängige Gutachter zertifizieren lassen. Eine Produktionsschule sollte sich landesweit vernetzen (regelmäßiges Treffs, Internet-Portal, "Good-practice-Foren" etc.)
  • Eine Produktionsschule ist daran interessiert, zur rechtlichen Absicherung bzw. zur Modifikation bestehender Schulgesetze in Richtung Produktions- schule beizutragen.

12. Finanzielles

  • Eine Produktionsschule muss ein Jahres-Budget als Finanzierungsrahmen anstreben. Sie sorgt für die Gewährleistung einer längerfristigen Finanzie- rungssicherheit.
  • Gebäude und Boden einer Produktionsschule werden von der Produktions- schule eigenverantwortlich bewirtschaftet; zur Gewährleistung der "Nachhal- tigkeit" empfiehlt sich, dass die Gebäude sich im Eigentum der Produk- tionsschule befinden.
  • Eine Produktionsschule sollte im Laufe ihrer Entwicklung und ihrer regionalen Vernetzung ein finanzielles Minimum von 5% bis 10% pro Jahr selber erwirt- schaften.
  • Produktionsschule strebt langfristig an, mit einer stabilen staatlichen und kommunalen Finanzierung (bzw. einer Kombination beider) zu wirtschaften.

13. Verbünde/Kooperationen/Netzwerke

  • Die Aufträge einer Produktionsschule stammen aus der Kommune, von örtli- chen Betrieben und privaten Kunden; daher sind regionale Kooperations- beziehungen unerlässlich.
  • Eine Produktionsschule entwickelt Kooperationen oder Verbünde mit Betrie- ben zur Erweiterung der Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten der Teilnehmer- schaft. Lernfelder und -orte sind Klein- und Mittelbetriebe, Handwerks- und Industriebetriebe, außer- und überbetriebliche Ausbildungsstätten sowie Handels- und Dienstleistungsunternehmen.
  • Eine Produktionsschule ist mit allgemeinbildenden und Berufsschulen ver- netzt, um über Lernortverbünde auch Lernorte außerhalb der Produktions- schule anzusprechen und Perspektiven eines "Lernens im Arbeitsprozess" zu eröffnen.
  • Eine Produktionsschule hält enge Kontakte zu Einrichtungen und Instanzen der regionalen sozialen Arbeit, um lernhemmenden äußeren Einflussfaktoren wie Krisensituationen im Elternhaus, sozialem Druck in der Peergroup, Schul- denbelastungen, Sucht- oder Gewaltproblematiken nachhaltig entgegen- zuwirken.
  • Eine Produktionsschule sucht den Kontakt zu den regionalen Interessen- verbänden der Wirtschaft, z.B. Kammern und Innungen.


Für den Arbeitsverbund Produktionsschulen Nord (Erstunterzeichner):
Armin Albers (JAW Fachdienst) - Volker Böhm (CJD Prignitz) - Arnulf Bojanowski (Universität Hannover, Institut für Berufspädagogik) - Hauke Brückner (Bildungs- und Arbeitswerkstatt Südtondern gGmbH) - Peter Fricke (Bildungswerkstatt Stiftung Jugendbildung) - Marlies Geers (JAW Schleswig-Stadt) - Cortina Gentner (Universität Hannover, Institut für Berufspädagogik) - Isabell Goßmann (Werk-statt-Schule e.V. Hannover, Produktionsschule) - Andrea Greiner-Jean (CJD Insel Usedom-Zinnowitz, Produktionsschule Wolgast) - Beate Hermes (Produktionsschule Westfalen, Kolping-Bildungszentrum Werl) - Barbara Hülsmeyer (Jugendhilfe Stadt und Land e.V. Spartakuß/Auszeit, Hanse Produktionsschule) - Gernot Iske (Produktionsschule Barth) - Achim Jänecke (CJD JD Celle) - Thomas Johanssen (Produktionsschule Altona) - Ernst Karger (JAW Nauen) - Holger Kiehn (Produktionsschule Müritz im CJD Waren/Müritz) - Dieter Kleinwegen (CJD JD Celle) - Klaus-D. Landsmann (bfw / inab) - Holger Legatzki (JAW-Norderstedt) - Thomas Lembke (Ausbildungs- und Jugendwerkstatt der VHS Heidekreis) - Siegmund Linder (Produktionsschule Rothenklempenow) - Herbert Martin (Werk-statt-Schule e.V. Hannover) - Bernd Reschke (Werk-statt-Schule e.V. Hannover, Produktionsschule) - Bianca Schmidt (JAW-Flensburg) - Angela Seemann (Ausbildungs- und Jugendwerkstatt der VHS Heidekreis) - Torsten Teich (Produktionsschule Altona) - Steffen Wiersch (CJD Prignitz)

Mitwirkung: Ministerium für Justiz, Arbeit und Europa des Landes Schleswig-Holstein, Referat Arbeitsmarkpolitik, SBG II, Ansprechpartnerin: Maren Staeps

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